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Vlcek, Ernst & Mommers, Helmuth W.: Traumwelten (Buch)

SF Classics Band 10
Ernst Vlcek & Helmuth W. Mommers
Traumwelten
Blitz Verlag, Paperback, 344 Seiten, 14,90 EUR, ISBN 3-89840-502-8

Von Carsten Kuhr

1964 war es, da erschienen vorliegende Geschichten, mit Ausnahme einer einzigen Story erstmals aufgeteilt in zwei Bände unter dem Titel DAS PROBLEM EPSILON und TREFFPUNKT DER MUTANTEN.

Nun, fast 40 Jahre später, wird das gemeinsame Oeuvre der beiden Autoren Ernst Vlcek und Helmuth W. Mommers dem interessierten Leser neu zugänglich gemacht. Nicht länger heißt es in Romanschwemmen, Antiquariaten und Second Hand Läden nach alten Heften Ausschau halten, um einen Einblick in die deutschsprachige SF-Kurzgeschichte der damaligen Zeit zu bekommen.

Die beiden, damals gerade Anfang 20 Jahre alten Autoren nahmen sich fast jeglichen gängigen SF-Themata an. Die Geschichten lesen sich heute alle naturgemäß ein wenig überholt, manchmal eingestaubt. Die technische Entwicklung ging weiter, uns plagen heute andere Zukunftsvisionen und Ängste als zu Beginn der 60er Jahre. Doch viele der Stories wissen auch heute noch den Leser zu berühren. Pessimistische Ausblicke auf eine Zukunft, in der der Mensch hilflos seiner Schöpfung gegenübersteht, sind heute aktueller denn je.

Die Kollektion wurde in drei Bereiche unterteilt. Zunächst erwarten uns Geschichten, die auf der Erde angesiedelt sind. Texte, die von Zeitreisen, den Verlockungen fremder Fauna oder den Entwicklungen künstlicher Intelligenzen berichten. Dann geht es hinaus in die Weiten des Weltalls, bevor zum Ende hin Novellen und Geschichten präsentiert werden, die teilweise schon den weiteren, erfolgreichen Weg Vlceks in Richtung Horror und Dark Fantasy vorzeichnen. Die einzig bislang unveröffentlichte Geschichte, eine humoreske Story über einen Nachkömmling Graf Draculas mit Zahnweh lässt uns bedauern, dass die Autoren uns leider keine aktuelle gemeinsame Neuschöpfung beigegeben haben.

Als Resümee bleibt mir, dass dieser Band ein gelungenes Bild der deutschsprachigen SF der 60er Jahre außerhalb des übermächtigen PR präsentiert, auch wenn so manche der angesprochenen Themen zwischenzeitlich überholt und etwas antiquiert wirken.



Von Thomas Harbach


Nach dem Romanvierteiler “Das Galaktikum” erscheinen mit der Sammlung “Traumwelten” alle Kurzgeschichten der beiden Wiener Autoren Ernst Vlcek und Helmuth W. Mommers nach über 40 Jahren wieder, nein besser zum ersten Mal als Buch.

Viele dieser Geschichten haben ihren Ursprung, aber nicht ihre Entstehung im Wiener Fandom und dem noch heute legendären Fanzine PIONEER. „Dann bin ich zum Bundesheer gekommen und danach bin ich über den Science Fiction Club Wien gestolpert. Da waren damals Leute wie Axel Mehlhardt, Kurt Luif und Eduard Lukschandl dabei, die auch heute noch einen klangvollen Namen haben. Bei denen habe ich eine sehr nette Aufnahme gefunden, und wir haben auch später das Fanzine PIONEER herausgebracht. Bei den Clubabenden ist das so abgelaufen, dass immer die Kurzgeschichte eines Autos vorgelesen wurde, die dann zerpflügt und beurteilt worden ist. Für mich war das natürlich eine große Hilfe, denn ich habe dadurch meine Geschichten auch vor Publikum vortragen und dann im Fanzine veröffentlichen können. Das war eigentlich eine sehr gute Schule, da man durch die kritischen Bemerkungen der Club Mitglieder immer dazu angespornt wurde, möglichst gut zu schreiben, sein Bestes zu geben, Alles zu geben. Auch den Helmuth W.Mommers habe ich dort kennen gelernt, der hat damals mit dem Arnulf D.Krauß gemeinsam geschrieben. Krauß hat aber, soweit ich mich erinnern kann, nicht sehr viele Ambitionen gehabt, in dieser Richtung weiterzumachen, und so haben der Mommers und ich uns zusammengetan, und dort veröffentlicht.“



Der Markt für deutsche Kurzgeschichten war in den sechziger Jahren für professionelle Veröffentlichungen noch kleiner als heute. Der TRANSGALAXIS Gründer Heinz Bingenheimer hatte eine Sammlung mit Geschichten herausgegeben, in der der junge Nachwuchsschriftsteller William Voltz einige seiner Arbeiten unterbrachte und zum ersten Mal auf sich aufmerksam machte. Kurz darauf erschien seine Sammlung QUARANTAENE bei den Terra Heften, ein Novum, fast schon einer Sensation gleich. Angespornt durch diese Veröffentlichung machten sich Vlcek und Mommers auch auf, den deutschen Anthologiemarkt um eine österreichische Arbeit zu bereichern. In einem Interview von Mommers, das kürzlich im Magazin phantastisch erschienen ist, erläutert Mommers Rüdiger Schaefer die Hintergründe und die Entstehung der meisten Geschichten: „An Ernst Vlcek erinnern mich vorwiegend schöne Zeiten, auch wenn uns manchmal das Zigarettengeld ausging. Ich weiß noch sehr gut, wie ich William Voltz´ Kurzgeschichtensammlung Quarantäne die erste deutsche in Heftform überhaupt in den Händen haltend- zu Ernst sagte: Das können wir auch, fahren wir in die Schweiz zu meiner Mutter, jobben wir für gutes Geld und schreiben nebenher alte Geschichten um und neue dazu! Gesagt, getan - drei Monate später, auf dem Heimweg nach Wien kündigten wir bei Schelkowat, dem Lektor des Moewig Verlages, eine Stippvisite an, nur um uns vorzustellen... In Wirklichkeit wollten wir nachhaken, was er von unseren Stories halte. Und er hielt viel davon: so viel, dass er noch im selben Jahr (1964) gleich zwei Sammlungen publizierte. Hurray! Wir waren Profis!“



Eine Taschenbuchausgabe gab es allerdings von ihnen nicht, über weite Strecken blieb die Anthologie von Voltz auch die einzige Storysammlung aus deutschen Autoren im Heyne-Verlag bis Jahre später Wolfgang Jeschke in dieser Literaturgattung neue Maßstäbe setzte.



Unter der Zusammenfassung “Irdische Welten” erscheinen die Geschichten, in denen unsere Protagonisten versuchen, mit beiden Beinen auf einem Planeten oder der Erde zu stehen. Manchmal gelingt es ihnen, aber in mehr als einem Fall ziehen unsere beiden Autoren ihnen brutal den Teppich unter den Füssen weg und sehen genüsslich zu, wie ihr Leben zerfällt.

Schon “Der Traumpalast” ist ein exemplarisches Beispiel. Frej Rentsell ist mit seinem Leben unzufrieden, in seiner Ehe findet er keine Befriedigung mehr. Erfüllung findet er nur noch im Traumpalast, einem Zelt, das von einer Gruppe fremder Menschen von den Sternen aufgestellt worden ist. Einem Zirkus gleich reisen sie von Welt zu Welt, um ihre Kassen zu füllen und den Menschen Illusionen zu schenken. Frej ist inzwischen süchtig nach den Erlebnissen und flieht den Abend wieder zum Traumpalast. Kurz vor dem Eintritt in das Zelt wird ihm seine Eintrittskarte gestohlen. Aus seiner Gier heraus besorgt er sich eine neue Eintrittskarte mit einem ungedeckten Scheck auf dem Schwarzmarkt.

Die Geschichte ist eine frühe Behandlung des Themas Sucht und gleichzeitige eine eindrucksvolle Studie des menschlichen Verfalls. Spannender Aufbau mit einer guten Erzählstruktur (ein ruhiger Anfang mit einem stetig steigendem Tempo) machen die Geschichte zu einem gelungenen Auftakt der Sammlung.

“Der zeitgeteilte Mann” ist eine Hommage – natürlich –an Walter Ernsting. Wie kein anderer steht er in der Deutschen Science Fiction für verwirrende, verzweigte, aber immer fesselnde Zeitreisegeschichten. Mit der Figur des Sir Walt Earnest setzen sie ihm hier auch ein literarisches Denkmal mitten in dessen produktivste Schaffensperiode heran.

Sidney Crane von der Zeitagentur soll den Diebstahl einer wichtigen Akte aus einem verschlossenen Tresor aufklären, reist in die Zukunft und im Laufe der Ereignisse vermischen sich TÄter und Opfer. Wie ihr Vorbild haben sie hier ein gekonntes Spiel mit der Zeit entwickelt und sie führen die möglichen Zeitparadoxen mit einer tödlichen Konsequenz zu Ende. Auch wenn es keine Identifikationsbasis mit dem von Anfang an unsympathischen Crane gibt, verfolgt der Leser aus einer gewissen Distanz die sich abspulenden Ereignisse.

“Androb 14431” basiert auf einer Kriminalerzählung. Ein Junge setzt sich über die Anweisungen seiner Eltern hinweg, lernt in den Ruinen einen neuen Freund kennen und im Laufe des Spieles, das er ihm anbietet, versucht der junge die erzieherischen regeln auszuweiten, während sein neuer Freund an eine Waffe zur Selbsterhaltung herankommen möchte.

Unauffällige Pointengeschichte mit aufgesetzter Moral, aber nicht die Auseinandersetzung mit dem Menschsein, die die Autoren zwischen den Zeilen angestrebt haben.

“Finale für Mr.Synclisst” ist eine Hommage an die Übermenschen, die A.E. van Vogt in seinen vielen Romanen so glorifiziert hat. Jährlich findet in der Galaxis ein von der Bank geleitetes Spiel statt, das die fähigsten Köpfe herausfinden soll. Mr. Syncliss will mit Hilfe von Komplizen die Bank mit seinen Wetteinsätzen sprengen und das Spiel gewinnen. Aber die scheinbar unpersönliche Bank muss für einen solchen Fall einige Karten in der Hinterhand haben und mit präziser Berechnung spielt sie sie auch aus.

Die Schlusspointe ist hier leider mit dem Holzhammer draufgesetzt, vielleicht hatte man den letzten Abschnitt sich sparen können, aber bis dato ist es eine spannende, mit doppeltem Boden und falschen Spuren versehene Abenteuerstory.

“Monster” ist ebenfalls eine deutliche Würdigung an einen anderen Klassiker der Science Fiction, nämlich Richard Matheson und seine brillant Story “Das Ungeheuer". Die Autoren wissen, das sie dieser Story nicht das Wasser reichen können, aber im Grunde ist selbst der Versuch enttäuschend. Der Ich-Erzähler schildert die fremdartige Umwelt aus seiner fast kindlichen Sicht. Er verfügt über Schwimmhäute und Kiemen. Am Ende erfährt er durch Zufall seine Herkunftsgeschichte. Obwohl geradlinig erzählt zeigt sich an der inzwischen abgenutzten Idee das Alter der Geschichte. Hier hilft nicht einmal der ans Ende gesetzte, konstruierte Überraschungsplot und auch die Nachbemerkung der Autoren kann der Geschichte nicht helfen. Nur die Hauptperson ist im Gegensatz zu einigen der vorhergegangenen Texte sehr lebensnah (für einen…) geschildert. Eine steife Fanzine-Geschichte.



“Das Problem Epsilon” leitet den Abschnitt außerirische Welten ein.

Die Menschheit führt Krieg gegen die Spooten und als letzte Waffe setzt man abnormale Kinder , die Morph Kinder, ein. Eine kleine Gruppe lebt mit ihrem Ausbilder auf einem verlassenen Stützpunkt und führt dort nadelstichartige Angriffe aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten durch. Der Agent Lokart wird losgeschickt, den Stützpunkt zu schließen und vorsichtig den alten Lehrer Fyr die Nachricht zu überbringen. Die Geschichte beschäftigt sich mit den Gestern, die die Menschheit gerufen hat und den daraus resultierenden Folgen.. Hochaktuell, denn sind nicht El Kaida, Bin Laden oder auch Hussein Geister, die die USA in den Jahren ihrer Außenpolitik beschworen haben und jetzt nicht mehr loswerden ? Spannend erzählt, mit viel Gefühl aufgebaut durchbricht die Geschichte den für die SF so wichtigen sense of wonder und paart diesen mit einem deutlichen Hauch Sozialkritik.

“Das Arenaspiel” beginnt mit der Abreise von Fenner Lee vom Planeten Marunke. Er ist von Beruf ein Stammvater prüft fremde Welten auf ihre Besiedelungstauglichkeit. Auf der Reise erzählt er seinen Mitpassagieren von seinem letzten Auftrag. Die Welt wurde inzwischen für die Besiedelung von Menschen gesperrt und für unbewohnbar erklärt, auch wenn die dahinterstehende Wahrheit ganz anders ist. Eine Geschichte in der Tradition der Space Beagle oder Alien Erzählungen, netter, ungewöhnlicher Aufbau mit den Rückblenden und der eingebauten Geschichte, aber einer unauffälligen, unterdurchschnittlichen Lösung. Dazu kommt noch einmal die Unterstreichung der Pointe im Schlusssatz. Beim ersten Erscheinen kam die Geschichte bestimmt spannender herüber, inzwischen ist sie vom Zahn der Zeit arg angeknabbert worden.

“Feuertod“ ist eine nette Space Opera und schildert die Landung auf einem Planeten durch die Menschen, ohne sich mit den Sitten der Einheimischen beschäftigt zu haben. Erinnert das nicht an die Arroganz der Kolonialzeit ? Natürlich führt das alles zu den unterschiedlichsten Missverständnissen, an deren Ende besonders der Kommandant seines Lebens nicht mehr sicher ist. Anspruchslos, lustig, unterhaltsam mit einem Flair der Hoppla-hier-kommen-wir-Menschen Space Opera, ein Fenster in eine frühere Science Fiction Zeit.

“Treffpunkt der Mutanten” schildert die Begegnung eines älteren Ehepaars, die eine Art Raumhotel auf einem Asteroiden unterhalten, mit ihrem Gast Arno Schmid, der sich als Mutant entpuppt. Seine ESP Fähigkeiten hängen wie ein Fluch an ihm und diese Außenseiter werden verfolgt und gefangengenommen. Auf dem einsamen Asteroiden landen eines Tages drei Menschen, die zuerst als ESP Jäger erscheinen…

Wie viele spätere Romane von Vlcek haben wir es hier mit einem sympathischen Außenseitergeschichte zu tun . Diese vom Leben gezeichneten Charaktere schildert er wie kaum ein anderer in der Science Fiction Szene. Immer mit einem Schuss Optimismus versehen zeigt er das Wohl und Wehe der Fähigkeiten. Aber in der langen Zeit setzt sich die positive Evolution immer durch (und auch Arno Schmid findet einen neuen Platz in diesem Universum), leider ist der Titel für diese Geschichte mehr als unglücklich gewählt.

“Der Opfergang” schildert einen Planeten, auf dem die Vorräte erschöpft sind. Arme Menschen dürfen nur eine bestimmte Familiengröße haben, alle Kinder, die zu viel sind, werden gegen Nahrungsmittel geopfert und auf je mehr Lebensjahre sie verzichten, um so länger gibt es die staatliche Unterstützung. Die Familie wartet jetzt auf die Rückkehr des Sohnes, den sie dem Staat als Opfer dargeboten haben, damit er sich von ihnen verabschieden kann. Hier haben wir eine dunkle, böse Pointengeschichte, die auf den Traditionen des Alterums und Afrikas basiert (Kinder, die nicht erwünscht sind, werden getötet oder einfach ausgesetzt) mit einem harten, gemeinen, zu ahnenden Dreh zum Ende hin. Kurzweilig zu lesen mit einem kleinen Anstoß zum Nachdenken.

“Hütet Euch-Sirenen” ist die längste Geschichte der Sammlung und aus dieser Geschichte hat Vlcek später noch den Roman “Planet der Sirenen” entwickelt. Ein Raumschiff gerät im Al außer Kontrolle, die Besatzung flieht in die Rettungsboote und landet auf einem scheinbar unwirtlichen Planeten. Doch plötzlich erwarten sie auf einer kleinen Lichtung 30 Frauen mit ihren 30 Vätern - für jedes Besatzungsmitglied ein passendes Gegenstück. Im Laufe der nächsten Zeit wird aus dem Paradies nach und nach eine Hölle, denn bei einem Unfall und später einem Mord kommen anfangs zwei der Vater ums Leben.

Interessante Variante der Odysseus-Saga mit außerirdischen Elementen, einer vorsichtig aufgebauten Handlung und eine strenge geordnete Erzählung. Natürlich ist das Thema inzwischen nicht mehr originell und der Titel gibt sehr viel von der erwartenden Handlung frei, aber wie manche andere Geschichte aus dieser Sammlung ist es ein nostalgischer, verklärender Rückblick.

“Traumwelt” gab der Sammlung laut den Autoren nicht den Namen, aber die Geschichte handelt von dem Schein und Sein, dem Wunsch und der Realität, aber auch wieder von der brutalen Wirkungsweise von Drogen. Aus einer kleinen romantischen Liebesgeschichte machen die beiden Autoren einen Alptraum ohne Ende, eine gekonnte, kurze und komprimierte Erzählung, die einen guten Abschluss dieses Themenabschnittes bedeutet.

Zwischenwelten umfasst alles, was nun einmal zwischen Himmel (das Weltall) und Erde liegt.

“Heißhunger” schildert die Probleme von Eltern mit den Essgewohnheiten ihrer Kinder. Mehr eine kurze Anekdote mit einer vorhersehbaren, meilenweit zu erkennenden Pointe.

“Wolfrachen” ist hier schon vielschichtiger und interessanter. Paul Wolf war Vlceks Horror und Fantasy Pseudonym, Vlcel heißt übersetzt Wölfchen, aber damit sollen auch die Ähnlichkeiten zwischen der Geschichte und den Autoren aufhören. Es ist eine reinrassige Horrorgeschichte mit vielerlei Elementen (Blut, Rückblenden, verzahnter Handlung und dunkler Atmosphäre), die auch heute noch gut zu goutieren ist.

“Ein Tropfen Schicksal” ist eine Liebesgeschichte, ein Story über die Menschen und die Opfer und Entbehrungen, die sie bereit sind, füreinander einzugehen. Genau wie die Entstehung der Geschichte nicht von Anfang bis zum Ende durchgeplant worden ist (siehe Vorbemerkung) läuft sie sehr überraschend ab, ruhig und eindrucksvoll. Am meisten sind aber die beiden Urheber des Werkes von ihrem Verlauf überrascht worden.

“Der Zahnersatz” erlebt mehr als 40 Jahre nach seiner Entstehung seine Premiere. Da die Geschichte nicht mehr in die beiden Heftanthologien passte, blieb sie auf dem Schreibtisch von Herrn Schelkowat liegen und wurde dort nach einer Generation wiedergefunden (nicht unbedingt auf dem Schreibtisch, aber zumindest in dem gut geordneten Archiv). Somit eine Erstveröffentlichung in einer Reihe mit utopischen Klassikern.

Eine lustige, anspruchsvolle Vampirgeschichte, die eher in die Wochenmagazine mancher Klatschpresse passt als in einer Anthologie wie dieser seinen Platz finden sollte. Auf der anderen Seite gehört das Lachen zum Leben und es steht nirgendwo, das alles nur mit einem gewissen Ernst zu betrachten ist. Ein Vampir, einer der Familie Dracula, hat nach einigen Schwierigkeiten seine erste Begegnung mit dem Zahnarzt(aus heutiger Sicht hätten wir noch einen Vertreter der Krankenkasse wegen Übernahme der Behandlungskosten dazu bitten müssen) und findet dann das Paradies auf Erden in einer bestimmten Abteilung des Krankenhauses. Vielleicht ist die Schilderung der Zahnarztpraxis aber auch nur eine Hommage an den Ertl aus dem tiefsten Bayern, der Jahre später als der Erfinder des Vurguzz in die Chroniken des Fandoms eingegangen ist? Diese Geschichte ist der ideale Stoff für die Minuten vor dem Einschlafen.



“Wenn trügerisch Besuch kommt” ist eine psychologische Kriminalgeschichte mit einem entsprechenden phantastischen Einschlag. Es gibt keine hundertprozentigen Morde mehr, meistens wird der entsprechende Gedanke frühzeitig unterdrückt (durch das Spielen einer Melodie im Kopf), doch Kyan, das Mitglied einer sehr alten Familie, schafft auf einer Skala immerhin 84%. Ein Psychiater versucht, ihn zu behandeln, Anfangs hat er Erfolg, doch dann beschließt Kyan, nicht nur seine Karriere zu krönen, sondern auch vor den Mitgliedern des Clubs, dem er angehört, sein Meisterstück zu präsentieren.

Zum Abschluss bringen die beiden eine böse Satire auf die Menschheit, deren Streben nach Vollkommenheit, deren Größenwahn auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Skurril, schräg und mit einem Schmunzeln in den Mundwinkeln entwickeln die beiden einen kompromisslosen Plot mit einer zielstrebigen passenden Pointe.



“Traumwelten” bietet ein breites Spektrum. Von der Kriminalgeschichte bis zur Space Opera, von spannenden Abenteuern bis zu inneren Beziehungsdramen, von Klassikern bis zum Fanzineniveau.

Mommers und Vlcek waren das erste richtige Schriftstellerpaar der deutschen Science Fiction, über eine kurze aber fruchtbare Zeit veröffentlichten sie nur gemeinsam und glichen die Schwächen des jeweils anderen immer aus. Sie korrigierten ihre Texte, entwickelten sie gemeinsam weiter und präsentierten so eine breite Palette ihrer literarischen Fähigkeiten. Da Mommers bis heute keine Einzelarbeiten veröffentlicht hat (die neue Sammlung konnte noch nicht bewertet werden), lassen sich nur die späteren Arbeiten Vlceks einzeln beurteilen. Aber der Einfluss dieser ersten Geschichten reichte in dem kleinen deutschen Fandom sehr weit. K.H. Scheer bot den beiden früh die Mitarbeit an der PR-Serie an, aber Mommers lehnte das als intellektuell nicht fordernd genug ab. Kurz darauf zog er sich für fast vierzig Jahre aus der Szene zurück und der Kontakt zu Vlcek verfloss in den Bergtalern der schweizer-österreichischen Alpenwelt. Erst mit der Übergabe des Jubiläumsbandes an Vlceks sechzigstem Geburtstag kamen die beiden wieder in Kontakt, ein knappes Jahr später begann Mommers zusammen mit Iwoleit und Hahn die Planung für Nova. Nebenbei schrieb er seine ersten Geschichten während des Winterurlaubs in der Schweiz.



Geblieben sind aus dieser Zeit die Romane und die Kurzgeschichten. Für Liebhaber klassischer Science Fiction stellen sie einen Fundus aus Erinnerungen dar. Einige der Geschichten sind direkt von Groessen wie Matheson, van Vogt oder Frank M. Robinson (wer kennt ihn und seinen sehr guten Roman “Die lautlose Macht” überhaupt noch?) beeinflusst worden. Mit diesen Episoden steigt auch das Appetit, die großen Romane dieser Zeit wieder aus dem Regal zu holen und in Gedanken eine Zeitreise in die Kindheit zu unternehmen. Vierzig Jahre sind seit ihrer Entstehung vergangen. Sie stammen direkt aus der Zeit der kubanischen Raketenkrise. Über die Ermordung Kennedys, den Vietnamkrieg, die Ölkrise, mehrere Rezessionen, den Fall der Mauer, die diversen Kriege im nahen Osten bis zur Internetblase hat die Zeit die Menschen verändert. Einige werden die Geschichten nach in den Orginalausgaben gelesen haben, sich vielleicht das Heft mit feuchten Händen und vom Taschengeld erworben vom Kiosk abgeholt haben, viele werden aber den Geschichten zum ersten Mal begegnen.

Sie kommen aus einer Zeit als die Science Fiction Meilenweit von den Bestsellerlisten entfernt war und insbesondere in Deutschland die Geschichten und Romane mit viel Herzblut geschrieben worden sind. Auch heute kann nur eine kleine Zahl von Autoren weltweit gut von der Science Fiction leben. Den brennenden Ehrgeiz, sich einen Namen zu machen, spürt man in jeder Zeile, in jeder Story.

Vergnüglich sind alle Geschichten, manche als Rarität, andere als sehr gute Unterhaltung. Natürlich sind insbesondere aus heutiger Sicht manche Heuler in den Geschichten enthalten, doch die gibt es in jeder Anthologie.

Auch als historische Wiederentdeckung sind die Geschichten lesenswert, sie decken alle gängigen Themen zum Teil mit interessanten Varianten ab. Einige wenige Stories ragen aus der Menge heraus und unterstreichen Themen, die Vlcek später in seinen Einzelromanen wieder aufnehmen sollte. Sympathische Außenseiter, den Kopf voller Wünsche und Hoffnungen, zum Teil in einer ihnen feindlichen Umgebung, mutig voranschreitend und durch die eigene Initiative Sieger über das Chaos (siehe Walty Klackton oder zum Teil die Michael Rhodan Taschenbücher).

Im Rahmen der utopischen Klassiker stellt diese Storysammlung ein interessantes Novum dar und genau wie viele alte Serien wird es Zeit, diese neu zu entdecken. Unternehmen wir also 18 Reisen in die Zeit des aktiven Wiener Fandoms, betrachten alles bitte durch den Schleier von 40 Jahren, lehnen uns zurück und treten diese Reise an, wie in ein altes schwarzweiß Foto, leicht angegilbt, ein bisschen wellig und ausgebleicht, aber immer mit einer eigenen Geschichte ausgestattet.

hinzugefügt: February 11th 2005
Tester: Carsten Kuhr
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