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Gaiman, Neil: Zerbrechliche Dinge (Buch)

Neil Gaiman
Zerbrechliche Dinge
(Fragile Things, 2006)
Deutsche Übersetzung von Hannes und Sara Riffel und von Karsten Singelmann (für die Geschichte „Der Herr des Tals“)
Klett-Cotta, 2010, Hardcover, 330 Seiten, 19,90 EUR, ISBN 978-3-608-93876-0

Von Gunther Barnewald

Die hier veröffentlichte Kurzgeschichtensammlung wurde gegenüber der amerikanischen Originalausgabe neu zusammengestellt, so verrät es das Impressum. Enthalten sind 14 Geschichten zwischen 2 und knapp 70 Seiten Länge, die zeigen, dass der Autor ein feiner Stilist ist, der wunderbar erzählen kann, was dank der hervorragenden Leistung der Übersetzer voll zur Geltung kommt.

Leider kann der Inhalt der Erzählungen oft mit dem stilistischen Niveau des Autors nicht mithalten. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Stephen King, der oft weniger durch seinen Stil, dafür aber durch seine Kreativität im Erfinden ausgefallener Situationen glänzt und hervorragende Ideen entwickelt, besticht bei Neil Gaiman fast immer die traumhafte Atmosphäre, die er in seinen Texten entwickelt.


Oft sind die Geschichten bezüglich des Plots aber nicht so herausragend, wie Gaimans Stil es verdienen würde.
Nur selten passen Idee und Stil in ihrem hohen Niveau so erstklassig zusammen wie in der Story „Eine Studie in Smaragdgrün“, welche den Meisterdetektiv Sherlock Holmes bei seinen Ermittlungen in einer Parallelwelt zeigt. Hier haben vor 700 Jahren die alten Götter die Macht auf der Erde an sich gerissen, England heißt Neu-Albion und die Herrschenden habe grünes Blut und sind optisch von Menschen zu unterscheiden. Auf bestialische Weise ist ein „deutscher“ Thronfolger ermordet worden, sein grünes Blut ziert die Wände und das deutsche Wort Rache steht dort geschrieben. Natürlich gelingt es Holmes, die Täter zu entlarven, wer jedoch zu ihnen gehört ... das soll hier nicht verraten werden. Grandios auch die in die Erzählung eingeflochtenen Werbetexte, welche fast ausschließlich gelungene Verbeugungen des Autors vor berühmten literarischen Vorbildern des Genres sind.

Ebenfalls sehr gut gelungen ist die Kurzgeschichte von dem schüchternen Pubertierenden, der sich plötzlich auf einer ganz seltsamen Party wiederfindet, auf der die Mädchen allesamt aus fernen Welten zu stammen scheinen („Wie man auf Partys Mädchen anspricht“). Leider muss er von der Party fliehen ohne nähere Bekanntschaften gemacht zu haben, da sein Freund, der ihn begleitet hatte, dort eine große Dummheit gemacht hat...

Während sich in „Herr des Tals“ die Protagonisten nach und nach als Fabelwesen entpuppen und ein Kampf auf ungewöhnliche Weise endet, erzählt „Bitterer Kaffeesatz“ von einem Mann, der in die Rolle eines verschwundenen Forschers schlüpft, der sich auf dem Weg zu einem Anthropologenkongress befunden hatte, um einen Vortrag über Zombies zu halten.

Andere Geschichten Gaimans leiden jedoch darunter, dass sie sattsam bekannte Klischees aufwärmen, so die Story „Die wahren Umstände des Verschwindens von Miss Finch“, in der ein unheimlicher Zirkus sein Unwesen treibt, „Oktober hat den Vorsitz“, in der ein vernachlässigter Junge von Zuhause abhaut, um sein Schicksal zu finden, „Fressen und gefressen werden“, in der ein Mann einem unheimlichen Wesen verfällt, welches ihn bei lebendigem Leibe auffrisst oder „Sonnenvogel“, in der ein Gourmet-Club sich an einem Fabelwesen vergreift, was natürlich böse Folgen für die Mitglieder hat (hier zumindest hat der Autor nochmals eine wunderbare Idee umgesetzt, was sich jedoch erst am Ende der allzu langen Erzählung zeigt).

Und während vor allem die kürzeren Texte meist einzig und allein atmosphärische Schilderungen ohne konkrete Handlungsstränge sind, stellt „Verbotene Bräute gesichtsloser Sklaven im geheimen Haus der Nacht grausiger Gelüste“ wohl eine unausgegorene Parodie auf die Konventionen des Genres dar.


Insgesamt ist „Zerbrechliche Dinge“ keine schlechte Kollektion, aber rundweg empfehlenswert ist sie auch nicht geraten, dafür sind zu wenige Ideen vorhanden, auch wenn die stilistischen Fertigkeiten des Autors diesen Mangel scheinbar zu überdecken vermögen. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass kaum eine überragende Kurzgeschichte hier veröffentlicht wird, in der alle Details (Grundidee, stilistisches Niveau und Ausführung) wirklich zu überzeugen vermögen.

hinzugefügt: March 1st 2010
Tester: Gunther Barnewald
Punkte:
zugehöriger Link: Klett Cotta
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