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Bacigalupi, Paolo: Pump Six and other Stories (Buch)

Paolo Bacigalupi
Pump Six and other Stories
Night Shade Books, 2008, Hardcover, 240 Seiten, ca. 17,99 EUR, ISBN 978-159780133-1

Von Oliver Naujoks

Er hasse ihn, verrät Autorenkollege Terry Bisson in einem herrlich launischen Blurb auf dem hinteren Cover-Flap, weil Autor Paolo Bacigalupi so viel Talent, so viele Preise schon bekommen habe, und weil er Ideen ersinnt, auf die die alten Hasen noch nicht gekommen sein. Aber, wie Terry Bisson so amüsant abschließt: Bacigalupi sei darüber hinaus auch noch jung und gut aussehend, habe aber zum Glück einen unaussprechlichen Namen.
Was man da bei Bisson natürlich zwischen den Zeilen liest: Jeder, der in den letzten Jahren Kurzgeschichten von Paolo Bacigalupi las, wird sich, wie der Verfasser dieser Zeilen auch, schnell diesen Namen gemerkt oder ihn halt gelernt haben. Eine erste Kurzgeschichtensammlung dieses Autors weckt deshalb auch hohe Erwartungen, die im Wesentlichen auch erfüllt werden.
Vorsicht, Spoiler!

Enthalten in dem kurzen Band sind 10, eigentlich 11 Geschichten von Bacigalupi, davon 9 Wiederabdrucke von Storys, die im wesentlichen in den großen Magazinen von 1999-2008 erschienen sind, und mit der Titelgeschichte liegt eine originäre Neuveröffentlichung für diesen Band vor.

Die Geschichten des Autors kommen in verschiedenen Kategorien und Güteklassen. Nur von mäßigem Interesse ist Bacigalupi, wenn er sein bevorzugtes urbanes Mega-City-Setting verlässt, die eher in ländlichen Gebieten spielenden Geschichten um eine Wasserverknappung wie in „The Tamarisk Hunter“ und um kulturelle Stammesfehden und Verrat wie in „The Pasho“ hinterlassen keinen so großen Eindruck, lesen sich aber nett. Eine nette Fingerübung ist auch die kurze Geschichte „Softer“, in welcher ein Mann seine Ehefrau in der Badewanne umbringt und die Geschichte sich dann darauf konzentriert, wie es sich für einen Normalo anfühlt, ein Mörder zu sein, ohne dass seine Nachbarn das wissen. Einer der wenigen Nicht-SF-Ausflüge des Autors.

Schon besser wird der Autor, wenn er sich wirklich radikale SF-Konzepte ausdenkt wie in „The Fluted Girl“, in welcher Mädchen mittels Gentechnik tatsächlich, wie der Titel nahelegt, als menschliche Instrumente zur Belustigung herhalten müssen, eine mit großer stilistischer Könnerschaft geschriebene Geschichte.

Auch nach dem zweiten Lesen als etwas überschätzt empfunden wurde die mehrfach preisgekrönte Story „The Calorie Man“, welche in einer Welt spielt, in welcher Energie inzwischen angebaut werden muss und Wirtschaftsunternehmen auf diesen Ernten eine strenge Hand drauf halten – dieser Art von Dystopie bedienen sich viele SF-Autoren, diese Geschichte ist etwas zu lässig und langatmig geschrieben.

Klare Höhepunkte der Sammlung, insbesondere für SF-Freunde, die gerne in das Chaos flirrende Mega-Citys eintauchen, sind zum einen „Pocketful of Dharma“, in welcher ein chinesischer Straßenjunge in einem Chengdu der Zukunft einen Datenwürfel findet, auf welchem der Dalai Lama abgespeichert ist und folglich von allen möglichen Leuten gejagt wird. Und vor allem, der Höhepunkt des Bandes, das bittere Kurz-Epos „Yellow Card Men“ um einen chinesischen Straßenbettler, einst ein großer Wirtschaftsmagnat, der durch grausame Umstände auf den Straßen von Bangkok landete. Diese wirklich brillant geschriebene Geschichte weist die gegenwärtige SF in eine möglicherweise düstere, aber künstlerisch goldene Zukunft. Spätestens nach Erstlektüre damals dieser Geschichte hatte sich der Verfasser dieser Zeilen mit dem Nachnamen des Autors nie wieder vertan, die erneute Lektüre in diesem Band war wiederum eine (dunkle, noch einmal niederschmetternde) Wonne.

Gelegentlich muss Bacigalupi noch den angry young man in sich bezwingen und liefert schockierende, wirklich böse Geschichten ab, in welchen unter anderem Einsatzkommandos zur Überbevölkerungsbekämpfung Wohnungen stürmen und Kinder erschießen („Pop Squad“ – bitte bei der Lektüre der Geschichte ein Glas Wasser in Griffweite haben!), oder in welchen auch schon mal ein niedlicher Hund einfach so verspeist wird („The People of Sand and Slag“).
Ebenfalls in diese Kategorie gehört die kurze Vignette „Small Offerings“, die, dafür das „eigentlich“ oben in „10, eigentlich 11 Geschichten“ nur in der doppelt so teuren limitierten Ausgabe dieses Bandes für 49 Dollar enthalten ist. Gelesen wurde hier aber die normale Ausgabe. Aber, da kann man sich auch anders behelfen: „Small Offerings“ stammt nämlich aus der Anthologie „Fast Forwards“ 1 von Lou Anders, und wurde so für die Besprechung einfach von dort herangezogen. Diese wirklich kurze Geschichte spielt in einer Welt, die medizintechnisch unendlich weiterentwickelt ist als unsere, und in welcher trotzdem die Frauen kaum noch Kinder bekommen können. Was für Grausamkeiten sie sich, anderen Schwangeren und Föten dabei antun, darf man hier lesen, inklusive einer Schlussszene, bei welcher einem wirklich die Haare zu Berge stehen und die man schnell aus den Gedanken vertreiben möchte.

Abgerundet wird der normale Band (nicht die Limited Edition) mit der neu verfassten Geschichte „Pump Six“, die von der Länge schon eher eine Novelle ist. Die Geschichte spielt in einer Zukunft, die 100 Jahre von uns entfernt ist, die Zivilisation ist im wesentlichen zusammengebrochen, die Menschen verblöden durch Stoffe im verseuchten Wasser und ausgerechnet die titelgebende Pumpe Sechs der zentralen Kanalisation von New York fällt auch noch aus, ohne, dass noch irgendjemand weiß, wie man diese reparieren soll. Großartig in der Mischung aus düsterer Dystopie und galligem Humor wegen der Verblödungstendenzen, Studenten machen nichts anderes mehr, als sich auf den Treppen der Uni zu paaren und die Frau des Helden sucht ein Gasleck mit einer offenen Flamme im Ofen, zeigt sich an dieser noch sehr neuen, hervorragend geschriebenen und sehr unterhaltsamen Geschichte, dass Bacigalupis kreative Energien noch lange nicht aufgebraucht sind und wir von dem Mann noch viel zu erwarten haben, insbesondere von seiner bemerkenswerten Fähigkeit, SF-Themen überraschend und graduell in einem Text zu enthüllen, wie, als Beispiel, der Schock in der Eröffnungsszene in „Pop Squad“.

Der Name Bacigalupi taucht in diesem Text nun wirklich häufig genug auf, das sollte beim Merken des Namens dieses großen Talents wirklich jedem Leser helfen.

hinzugefügt: October 18th 2009
Tester: Oliver Naujoks
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