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Vexille (Special Edition) (DVD)

Vexille
J 2007, Regie: Fumihiko Sori

Von Thomas Harbach

Mit „Akira” und „Ghost in the Shell” begann der japanische Manga dem klassischen Science Fiction ernsthaft Konkurrenz zu machen. Zeichentrickfilme sind günstiger im Vergleich zu Computertricks zu produzieren und der Ideenreichtum der unzähligen und in fast unzähligen Fortsetzungen erscheinenden Mangas bot eine reichhaltige Quelle. Auch wenn die Mangas immer noch sehr populär sind, hat ihr Einfluss auf die Science Fiction nachgelassen. Eine Erklärung lässt sich vielleicht in der neuen Produktion Fumihiko Soris finden. Vor knapp vier Jahren überraschte er noch als Verantwortlicher für die Graphiken mit „Appleseed” das Publikum und produzierte einen der herausragenden Filme der zweiten Manga-Welle. Nicht zuletzt aufgrund dieses kommerziellen wie auch künstlerischen Erfolges sind die Erwartungen an „Vexille” hoch gewesen, unüberwindbar hoch.

„Vexille” ist sicherlich kein schlechter Manga, aber kein guter Film. Zum einen ist die Laufzeit von knapp einhundertneun Minuten für die Geschichte zu lang und doch zu kurz. Zu lang, da es sich im Grunde um eine moderne Neuinterpretation des John-Carpenter-Films „Die Klapperschlage” handelt.

Eine Gruppe von Elitesoldaten muss das schon seit zehn Jahren isolierte Japan infiltrieren, um Pläne einer neuen Superwaffe der Japaner zu finden, welche die gesamte Welt bedrohen. Mittels eines transportablen Senders sollen die Soldaten drei Minuten ein Störsignal senden, um den Spionagesatteliten die Möglichkeit zu geben, die Codes des magnetischen Schutzschirms zu lesen und zu durchringen. Das Unternehmen scheitert gleich zu Beginn, die meisten Mitglieder der SWORD-Spezialeinheit kommen ums Leben. Nur eine weibliche Offizierin - Vexille - überlebt augenscheinlich den Einsatz, ihr Freund gilt als vermisst. Vexille wird von der Tokioter Bevölkerung aufgenommen. Diese leben in einem Slum, umgeben von einer riesigen Mauer. Erst nach und nach erkennt Vexille das schreckliche Geheimnis, das diese Menschen umgibt und das zeigt, wie stark der japanische Großkonzern Daiwa die Macht schon an sich gerissen hat.

Der Film ist zu kurz, um die unterschiedlichen Hintergründe der Charaktere zufrieden stellend zu beleuchten, um die Entwicklung, die Japan in diesen zehn Jahren durchlaufen hat, in Bilder zu fassen.

Eines der ersten Probleme, denen der Zuschauer begegnet, ist die zweideutige Prämisse. Er muss akzeptieren, dass sich Japan nach einem Durchbruch in der Robotertechnologie als Land und Nation von der ganzen Welt abgeschottet hat. Unterstellt man keine Parallelwelt, stellen sich eine Reihe von Fragen: was ist mit den amerikanischen Stützpunkten auf den japanischen Inseln geschehen? Sind die Ausländer einfach nur ausgewiesen worden und sind ihre Plätze von entsprechend ausgebildeten Japanern übernommen worden? Haben sich die ausländischen Konzerne, welche heute schon ein beträchtliches Geschäft auf den japanischen Inseln umsetzen, diese Behandlung Gefallen lassen? Ist niemand von den Inseln geflohen? Wer hat die magnetischen Schutzwände bezahlt? Die japanische Regierung oder schließlich die Daiwa-Konzernzentrale, die auf der einen Seite einen technischen Durchbruch geschafft hat, auf der anderen Seite allerdings keinen Markt mehr für ihre Produkte hat, die in Hinblick auf die Konzeption alleine für den japanischen Markt zu teuer gewesen sind. Wie konnte Japan überhaupt mit der Welt einen Handel aufrechterhalten, wenn die Schiffe wie im Film gezeigt enge Schleusen durchfahren müssen und dort durchleuchtet werden? Um es kurz zu fassen, die Welt - aus heutiger Sicht extrapoliert - braucht Japan weniger als Japan die Welt braucht. Darum ist diese faszinierende Idee genauso an den Haaren herbeigezogen wie New York als Supergefängnis. Aber sie erweckt die Aufmerksamkeit der Zuschauer.

Als Auftakt des Films präsentiert „Vexille” eine spannende Actionsequenz, die durchaus an die James-Bond-Filme erinnert: die Mitglieder der SWORD-Einheit stürmen einen geheimen Versammlungsort, an welchem der Präsident Daiwas verschiedene hochrangige Politiker eingeladen hat. Warum dieser Ort anscheinend auf dem Gebiet der von SWORD kontrollierten Staaten gelegen ist - der Zuschauer denkt unwillkürlich an Kanada oder Nordamerika - wird das Geheimnis des Drehbuchs sein. Hier hätte sich die neutrale Dritte Welt angeboten.
Dabei erkennen sie, das Daiwa die Möglichkeit hat, menschliches Gewebe mit robotischen Teilen zu verbinden. Leider ist dieses Faktum nicht sonderlich aufregend, denn die Mitglieder der SWORD-Einheit unterstreichen an mehreren Stellen des Films, dass sie im Grunde auch nicht mehr menschlich sind. Sie können in ihren Kampfanzügen mit irrsinnigen Geschwindigkeiten fliegen, die Panzerung hält bis auf Panzerfäuste Schusswunden von ihren Trägern fern und die Stürze sind derartig spektakulär, dass das Wort unverwundbar nicht übertrieben ist.

Selbstverliebt in die eigenen Geschöpfe reiht Soki in der fulminanten Endschlacht schließlich noch eine Reihe von Szenen aneinander, in denen die einzelnen Protagonisten - auch ohne besondere Rüstung - Schusswunden, Hubschrauberabstürze und Attacken von Robotern überleben. Deutlich weniger wäre in beiden Sequenzen mehr gewesen.

Auf der einen Seite versucht Soki die Welt davor zu warnen, dass in Japan die Menschen schon Roboter und andersherum sind, auf der anderen Seite sind seine Gegenspieler im Grunde auf Augenhöhe, wenn sich auch ihre Technik weniger auf die Synthese als das Doping der vorhandenen Soldaten konzentriert. Dass in Japan biologische Roboter existieren ist keine Begründung für die im Mittelpunkt des Films stehende Selbstmordmission. Auch wenn diese Technik streng verboten ist, scheinen sich nicht nur die Japaner nicht daran zu halten. Die Prämisse ihrer Mission ist daher nur oberflächlich ansprechend und verliert sich im Verlaufe des geradlinigen Films mehr und mehr unter diversen Zitaten anderer Science-Fiction-Filme.
Ohne näher auf Vexilles Entdeckungen einzugehen, begegnet sie schließlich in den menschenleeren, aus Wüste bestehenden Weiten außerhalb von Japan „Sandwürmern”, sogenannten Eisenfressern, die jegliches Eisen absorbieren und wie mit einem magnetischen Kern an sich binden. Die Idee ist sicherlich eine Hommage an Frank Herberts Roman. Die gigantischen Kreaturen gehören zu den grotesken, aber überzeugenden Schöpfungen für den vorliegenden Film. Ihre „Haut” ist ständig in Bewegung, die einzelnen Metallteile rotieren um ihre Mäuler. Das erste Mal bekommt der Zuschauer zusammen mit Vexille diese Kreaturen zu sehen, als sie in der Tradition von „The Road Warrior” einen Haufen von Rebellen verfolgt, der mit seinen aufgemotzten Sandbuggies durch die Wüste fährt. Das Drehbuch versucht dieses gefährliche bis exzentrische Verhalten zu erklären, weit kommt es allerdings nicht. Gegen Ende des Films werden diese Metallwürmer in zwei sehr wichtigen Sequenzen das Kommando übernehmen. Im Showdown ist ihre Rolle noch akzeptabel, aber warum sie von den Alten angelockt die Slums von Tokio überfallen gehört zu den Mysterien des Drehbuchs. Alleine von der technischen Seite gehört ein Zusammenstoß zwischen zweien dieser Sandwürmer mit anscheinend tausenden von durcheinander wirbelnden und abstürzenden Metallteilen zu den optischen und tricktechnischen Höhepunkten des Films. In Gedanken stellt läuft beim Zuschauer der Soundtrack zu David Lynchs „Der Wüstenplanet” ab. Auch die Hintergründe - insbesondere Daiwas Festung, welche mit Anspielungen an das Büro vom Blade Runner fast überfließt - sind mittels derTechnik zwei-, stellenweise sogar dreidimensional und beeindruckend detailreich. Es ist schon erstaunlich, wie es den Zeichnern gelingt, Stimmung mittels ihrer Bilder zu erzeugen und der Blick von der Tokio schützenden Mauer in die unendliche Wüste ist einer der schönsten Szenen, die bislang in einem japanischen Manga-Film auf die große Kinoleinwand gebannt worden ist.

Zu den Schwächen dieser Technik gehört, dass die Gesichter der einzelnen Protagonisten oft zu statisch wirken. Sie erinnern an die ersten Teile der „Final Fantasy”-Saga. Nur selten können Emotionen wie Wut, Hass oder Verzweifelung wirklich ausgedrückt werden und alleine das Weiten oder Verengen der Pupillen reicht in einem derartig prächtigen Film nicht aus, um die ganze Bandbreite menschlicher bzw. auch androidischer Ausdruckskraft abzudecken. Zwar werden die einzelnen Figuren von ganz feinen schwarzen Linien umgeben, die irgendwie cool, fast surrealistisch wirken, aber die Mischung aus Zellanimation, Realaufnahmen und wahrscheinlich Überblendungen weist noch zu viele Schwächen auf, die ein gutes Drehbuch ausmerzen muss. In einem normalen Animationsfilm weiß der Fan, was derzeit möglich ist und was nicht. In dieser vorliegenden Mischung werden die Grenzen zu schnell erreicht, weil das Drehbuch insbesondere den wenigen wirklich wichtigen Protagonisten zwar eine Vergangenheit schenkt und diese in Rückblenden auch zeigt, aber den Fehler macht, diese Vergangenheit zu wenig in ihr jetziges Verhalten zu integrieren. Es wirkt stellenweise irgendwie falsch und wie eine künstliche Erinnerung aufgesetzt.

Der Zuschauer erwartet vielleicht keine dreidimensionalen Pro- bzw. Antagonisten, aber das Drehbuch bietet deutlich zu wenig an. In einer Rückblende wird die gemeinsame Vergangenheit der beiden weiblichen Figuren enthüllt, ohne dass es sich wirklich in ihren Handlungen ausdrückt. Der potentielle Konfliktpunkt wird im Showdown alleine durch eine irrsinnige Anzahl von Actionszenen überdeckt, der Zuschauer weiß schon nicht mehr, wer wen wirklich geliebt hat bzw. noch liebt. Die beiden Frauencharaktere sind sich zu ähnlich. Beide sind unnahbar - auf den ersten Blick - und cool. Beide können sowohl mit Waffen als auch Worten umgehen und beide haben trotz sehr unterschiedlicher Ausgangspunkte nur ein Ziel. Die Superwaffe stoppen, die sich am Ende des Films als MacGuffin erweist. Augenscheinlich hat sich in Japan etwas Schreckliches ereignet, aber die Technik ist bei weitem noch nicht so weit, wie es sich die Androiden wünschen.

Dass die Menschen die künstlichen Wesen nicht oder noch nicht erkennen können, ist vielleicht noch verständlich, das aber die Androiden sich untereinander nicht erkennen können, ist unglaubwürdig und eine der größten Schwächen des Drehbuchs in Hinblick auf den Showdown. Auch der Antagonist - und sein Hintermann, der plötzlich vom Wissenschaftler zum drittklassigen James-Bond-Gegner mutiert und jegliche Technik/Waffe beherrscht - bleibt zu eindimensional und unnahbar, um wirklich zu überzeugen.

So faszinierend alleine die Technik in „Vexille” ist, so enttäuschend ist der Streifen auf der persönlichen Ebene.

Soki liefert auf der zweiten DVD eine Reihe von ergänzenden Kommentaren, in denen er sich dieser offensichtlichen Schwäche überhaupt nicht bewusst ist. Zu sehr hat er sich in seine optisch sehr eindrucksvolle Welt verliebt. Die Actionszenen des Streifens sind aus künstlerischer Sicht gut inszeniert. Was dem Film allerdings fehlt, sind Kämpfe und Auseinandersetzungen, die den Zuschauer verblüffen und beeindrucken. Nur wenn die Metallwürmer auftreten wird der Film lebendig und bietet einen Hauch von Originalität. Die Auseinandersetzung zwischen den Androiden und den SWORD-Soldaten beschränken sich in erster Linie auf Maschinengewehre und Panzerfäuste. Gegenüber den reinen Robotern sind die Menschen mit ihren modernen Kampfanzügen sogar überlegen, ohne dass es für diese unlogische Tatsache einen Hauch einer Erklärung gibt.

Die Jagd durch den schier endlosen Tunnel erinnert natürlich an „Star Wars” und die Fahrten mit den Hovercrafts durch die Wüste haben in „The Road Warrior” mit echten Menschen und deutlich weniger Budget überzeugender gewirkt. Positiv gesprochen verzichtet Soki allerdings auf die oft nur aufgesetzte metaphysische Ebene, die im Notfall wie in „Akira” alles was nicht logisch ist, in einem wahren Bilderrausch erklären soll. „Vexille” ist in dieser Hinsicht sehr geradlinig. Auch wenn die Handlung für einen Streifen dieser Länge nicht unbedingt ausreichend ist, wirkt der Plot an vielen Stelen - insbesondere zu Beginn des Films - viel zu hektisch und uneinheitlich. Soki hätte zusammen mit seinen Drehbuchautoren deutlich intensiver auf die Vorgeschichte eingehen sollen. In dieser Form wirkt sie wie ein Fragment, obwohl sie alleine für einen weiteren „Vexille”-Streifen ausgereicht hätte.

Von der technischen Seite her ist der vorliegende Science-Fiction-Film ein unbedingt ansehenswertes Werk, das vielleicht noch nicht das letzte Wort in der schauspielerlosen Kunst darstellt, aber zumindest hintergrundtechnisch wegweisend ist. Zusammen mit der guten, aber nicht immer passenden Musik moderner Bands wie The Proddigy, Basement Jaxx oder Wonderworld blitzt immer wieder eine dunkle, nihilistische und vor allem Menschen feindliche Zukunft vor den Augen der Zuschauer auf, um dann in einem wie von einer Maschine geschriebenen Plot wieder zu verschwinden. Es empfiehlt sich bei der Betrachtung des Films den Verstand auszuschalten und am besten auf einer möglichst großen Leinwand Vexilles Reise bis an die Grenzen des technisch Machbaren zu verfolgen.

Splendid hat den Film in einer exemplarisch guten Doppel-DVD-Edition auf den Markt gebracht. Das Bildformat 1.85 1 ist passend. Die Farben sind knallig und auch die Rottöne sind ungewöhnlich stabil. Das Bild ist gestochen scharf, die Kontraste hervorragend. In Dolby Digital 5.1 bzw. DTS 5.1 werden deutsch und japanisch angeboten. Die Synchronisation ist zufriedenstellend, es empfiehlt sich allerdings auf die Originalfassung mit den leicht zu lesenden Untertiteln auszuweichen. Diese gibt den eher eindimensionalen Figuren noch ein bisschen Tiefe. Wie nicht selten bei den Special Editions ist die Lauflänge der Extras länger als des eigentlichen Streifens. Neben dem Trailer und der Premiere auf den Filmfestspielen von Locarno gehört ein umfangreiches und interessantes Making Of zu den Extra. Zusammen mit der Herstellung der CGI und der Roboterdesigns geben diese einzelnen Beiträge einen sehr guten und vor allem fundierten Einblick in die Herstellung des Science-Fiction -Films. Auf der DVD ist die 3D-Animation nicht immer so gut zu erkennen wie vielleicht auf der großen Leinwand, aber mittels des Beitrages über die 3D Live Animation bekommt der Zuschauer einen Eindruck, wie gewaltig der Streifen auf einer großen Leinwand wirken muss. Auch wenn die einzelnen Beiträge Teile des Plots vorwegnehmen, sollte sich der in erster Linie an der Herstellung dieser Manga-Streifen Interessierte fragen, ob er nicht zuerst die einzelnen Extras ansieht, um dann den Hauptfilm alleine aus technischer Sicht zu betrachten. Die zweite DVD ist übervoll mit nützlichen Informationen und lindert die Enttäuschung, die sich in Hinblick auf den eher bodenständigen und teilweise arg einfach ausgeführten Plot im Zuschauer breit macht.

Insgesamt eine absolut empfehlenswerte DVD-Veröffentlichung eines die großen bis erdrückenden Erwartungen nicht erfüllenden Manga-Films. „Appleseed” bleibt in dieser Hinsicht eine Messlatte, die mindestens einen Meter zu hoch für „Vexille” hängt.

DVD-Facts:
Bild: 1,85:1 (anamorph / 16:9)
Ton: deutsch Dolby Digital 5.1, deutsch dts, japanisch Dolby Digital 5.1
Untertitel: deutsch

DVD-Extras:
Featurettes, Making of, Audiokommentar

hinzugefügt: October 25th 2008
Tester: Thomas Harbach
Punkte:
zugehöriger Link: Splendid
Hits: 1685
Sprache: german

  

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