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Kushner, Ellen: Die Dienerin des Schwertes (Buch)

Ellen Kushner
Die Dienerin des Schwertes
(The Privilege of the Sword, 2006)
Aus dem Amerikanischen von Karlheinz Dürr
Goldmann, 2008, Paperback, 543 Seiten, 12,00 EUR, ISBN 978-3-442-46707-5

Von Irene Salzmann

Katherines Familie ist ruiniert, doch dann schlägt ihr Onkel, der ‚Irre Herzog von Temontaine’, einen Handel vor: Wenn das Mädchen zu ihm zieht und sich ganz seinen Wünschen fügt, wird er die umstrittenen Besitztümer frei geben. Die Familie hat keine Wahl – und von einer Frau wird erwartet, dass sie gehorcht und sich notfalls opfert. Aus Sicht der 15-jährigen ist diese Entwicklung überhaupt nicht tragisch, im Gegenteil: Sie hofft, von ihrem Onkel in die Gesellschaft von Riverside eingeführt zu werden, hübsche Kleider zu bekommen, auf Bälle zu gehen und einen stattlichen Verehrer zu finden.
Die Ernüchterung folgt prompt. Der Irre Herzog macht seinem Namen alle Ehre, indem er Katherine in Jungen-Kleidung steckt und ihr einen Fecht-Lehrer schickt. Schon bald findet sich das Mädchen mit seinem Schicksal ab und beginnt, ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln und die Freiheiten zu genießen, die ihr als vermeintlicher junger Mann und Degenfechter zugestanden werden.
Ein Duell, bei dem sie erfolgreich die Ehre ihres Onkels verteidigt, lässt die Gesellschaft auf Katherine aufmerksam werden. Zunächst betrachtet der Adel den Neuling als Unikum und verrückte Laune des Herzogs, doch als sie für Artemisia Fitz-Levi eintritt, die von ihrem Bräutigam, dem einflussreichen Lord Ferris, vergewaltigt wurde, wird deutlich, dass man Katherine nicht unterschätzen sollte.
Der Lord sieht darin einen auf ihn gerichteten Angriff seines verhassten Rivalen, des Herzogs, und beginnt, dessen Freunde der Reihe nach zu diskreditieren. Er verspricht, seine Attacken einzustellen, wenn sich der Herzog geschlagen gibt und ihm Katherine als Braut überlässt…


Was im ersten Moment – durch das Titelbild impliziert – wie Fantasy erscheinen mag, entpuppt sich nach wenigen Seiten als Liebesroman im barock anmutenden, fiktiv-historischen Gewand.
Im Mittelpunkt der Ereignisse steht ein junges Mädchen, Katherine, das aus seinem beschaulichen Alltag heraus gerissen und in eine bizarre Welt der lasterhaften Exzesse gedrängt wird. Ihr selber wird eine ungewöhnliche Rolle aufgezwungen: die eines jungenhaften Degenfechters. Katherine arrangiert sich mit ihrem neuen Leben, denn zum einen muss sie ihren Teil des Handels erfüllen, der es ihrer Familie ermöglichen soll, der Armut zu entkommen, zum anderen reizt sie die permanente Herausforderung. Sie sieht sich selber als Heldin eines Dramas, identifiziert sich mit einer populären Roman-Figur und findet schließlich Gefallen an den Möglichkeiten, die sich ihr nun bieten.
Entsprechende Andeutungen hinsichtlich tragischer Geschehnisse in seiner Jugend lassen den Irren Herzog und seine irren Ideen als gar nicht so verrückt erscheinen. Teils ist es Show, aber er hat auch das System durchschaut, hadert mit den Zwängen, die vor allem den Frauen auferlegt werden, und bricht in Konsequenz radikal mit allen Konventionen. Ihm hat es Katherine zu verdanken, dass sie über ihr Leben selbst bestimmen kann – anders als beispielsweise ihre Mutter oder Arthemisia. Immer mehr tritt sie in des Herzogs Fußstapfen, ohne es selbst wirklich wahrzunehmen, und umgibt sich mit Menschen, die ihr wichtig sind, die sie beschützt und die ihr dafür mit ihren Talenten zu Diensten sind.
Katherines Wandel vom typischen, gehorsamen Mädchen zur selbstbewussten jungen Frau, die weiß, was sie will, ist eingebettet in opulente Beschreibungen von lustvollen Vergnügungen, Intrigen und Romanzen, denen sich der Adel und die Halbwelt hingeben. Jeder lebt seine Neigungen aus, und auch Katherine experimentiert vorsichtig mit beiderlei Geschlechtern. Obwohl reichlich mit erotischen Szenen garniert wird, um die ausführlichen Reflektionen der Protagonisten aufzulockern, enden die Schilderungen vor jenem Punkt, der die durchschnittliche Hemmschwelle verletzen könnte. Auch die Sprache gleitet nie in zu deftige Bahnen ab.
„Die Dienerin des Schwertes“ ist ein epischer Roman, der in erster Linie aus Milieu-Beschreibungen besteht, die Charaktere in den Vordergrund stellt und wenig Handlung, geschweige denn Action bietet. Der Stil der Autorin ist flüssig und angenehm zu lesen. Es gelingt ihr, die Figuren anschaulich und glaubwürdig agieren zu lassen. Man vermisst jedoch einen richtigen Höhepunkt und ein rundes Ende. Vielleicht deutet das auf eine Fortsetzung hin, allerdings wird das nicht der für 3/09 angekündigte „Riverside“-Roman „Die Legende vom letzte König“ sein, der chronologisch vor den hier geschilderten Ereignissen angesiedelt ist.

Der Klappentext verrät, dass Ellen Kushner u. a. mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet wurde – aber sicher nicht für diesen Band, der eigentlich ein romantischer Mantel-und-Degen-Roman ist und überhaupt keine Fantasy-Elemente beinhaltet, abgesehen davon, dass das Setting eine fiktive Anlehnung an Frankreich oder England im 18. Jahrhundert ist. Alle Magie, die vielleicht einst in Riverside zu finden war, ist verschwunden.
Die Erwartungen, die man an einen waschechten Fantasy-Roman stellt, werden in Folge nicht erfüllt. Möchte man dem Band dennoch eine Chance geben – schon in Hinblick auf die weiteren „Riverside“-Bücher, die vielleicht ‚phantastischer’ sind -, sollte man wissen, worauf man sich einlässt, um nicht enttäuscht zu werden.
Schätzt man Bücher im Stil von Diana Gabaldon oder Victoria Holt, wird man auch mit dieser Lektüre sehr zufrieden sein und kurzweilige Lesestunden genießen können. Gewiss nicht uninteressant ist der Titel außerdem für jene Kreise, die durch Manga und Anime auf das Genre Boys Love/Yuri aufmerksam wurden und seither bei den Nischen-Verlagen nach (nicht zu expliziten) homoerotischen Lektüren suchen.

hinzugefügt: June 17th 2008
Tester: Irene Salzmann
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