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Bakker, R. Scott: Der Tausendfältige Gedanke - Der Krieg des Propheten 3 (Buch)

R. Scott Bakker
Der Tausendfältige Gedanke
Der Krieg des Propheten 3
(The Thousandfold Thought)
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Andreas Heckmann
Titelillustration: Dietrich Ebert
Klett-Cotta, 2008, Hardcover mit Schutzumschlag, 612 Seiten, 24,50 EUR, ISBN 978-3-608-93785-5

Von Carsten Kuhr

Willkommen zum dritten, abschließenden Teil des wohl eigenständigsten Fantasy-Epos der letzten Jahre, auf der der Kanadier R. Scott Bakker seine Leser auf eine wahre Tour de Force mitgenommen hat.


Ein Kreuzzug wurde ausgerufen. Am Vorabend einer geweissagten Apokalypse zog das aus vielen, einander misstrauisch, ja verfeindet gegenüberstehenden Truppen bestehende Heer im Auftrag des Führers der tausend Tempel gegen den alten Feind im Süden, die Fanim.

Der Magier Achamian Drusas soll im Auftrag des Mandati-Ordens den Kreuzzug begleiten und ausspionieren. Im Tross des Heeres stößt er auf seine einzig wahre Liebe, die Hure Esmenet. Mit dem Barbaren Cnaiür, einem geborenen Strategen, sowie dem Kriegermönch Anasûrimbor Kellhus vom Orden der Dûnyain, schließen sich zwei charismatische Anführer dem Jihad an, und werfen bildlich gesprochen ihren Hut in den Ring um die Führerschaft des Krieges.

Erste blutige Schlachten werden geschlagen, Intrigen, Verrat und dunkler Zauber bedrohen den Kreuzzug. Dennoch erreicht das zerstrittene Heer sein erstes Ziel und Kellhus wird als geweissagter Prophet anerkennt. Mit seinen Gaben, in Menschen lesen zu können und diese zu manipulieren, schweißt er das Heer durch Blut und Tränen, aber auch durch seine Demagogie zusammen, enttarnt die den Kriegszug unterwandernden Gestaltwandler und eignet sich Drusas’ größte Schätze an. Der Magier lehrt ihn seine Zaubersprüche und Esemenet wendet sich von ihrem alten Liebhaber ab und trägt fürderhin Kellhus’ Kinder aus. Die Entbehrungen und Schlachten, die Siege, aber insbesondere auch die herben Verluste schweißen das Heer zu einer Einheit zusammen, als die heilige Stadt Shimeh erreicht und belagert wird. Die Eroberung aber überlässt der Prophet seinen Kriegern - er selbst macht sich auf die Suche, die ihn eigentlich zum Jihad brachte - die Suche nach seinem Vater ...


Was ist das für ein Werk, von dem angesehene Kritiker weltweit behaupten, dass es die bedeutendste Fantasy-Saga unserer Zeit sei?
R. Scott Bakker erzählt keine High-Fantasy der üblichen Art. Von einem der auszog, seine Welt mit magischen Hilfsmitteln und guten Freunden zu retten ist bei Bakker nichts zu erblicken. Stattdessen setzt er auf die Beschreibung faszinierend vielschichtiger Personen und einer beinahe an eine Kriegsdokumentation erinnernde Darstellung der Taten und des Grauens des Krieges. Dies aber auf eine Art und Weise, wie sie neu, wie sie ungewohnt ist.
Nüchtern, fast schon distanziert, aber in seiner Wucht brutal und bedrückend ist seine Prosa, so dass kein Leser sich gemütlich zurücklehnen, außen vor bleiben kann.
Man muss die Handlung nicht mögen, die Trilogie ist alles andere als einfaches, schnell konsumierbares Lesefutter, aber keiner der die sich Bände „erlesen“ hat, wird vom Inhalt unberührt bleiben.

Verbunden hat er diese in ihrer Intensität ungewöhnlich und beeindruckende Darstellung mit einem Weltenentwurf, der so vielschichtig und realitätsnah ausgefallen ist, wie ich zumindest es noch nirgends sonst in der Fantasy gelesen habe.
Immer wieder auch hinterfragt der Autor dabei den Sinn noch dazu nach religiös motivierter kriegerischer Auseinandersetzungen, deckt Machtspiele und egoistische Selbstgefälligkeiten, den Drang seiner Figuren sich in den Vordergrund zu spielen und sich selbst etwas vorzumachen, auf. Er zeigt auf, dass in jedem Fall wirtschaftlich-politische Interessen hinter den Kreuzzügen stecken, dass Kirche und Adel Hand in Hand und zum gegenseitigen Nutzen marschieren, und die Anhänger durch Manipulation zu ihren aufopfernden Kampf getrieben werden.

Gerade hier, in der Darstellung des Fußvolkes wie auch der intriganten Adeligen, die jeweils ganz aus ihrer kulturellen Abstammung stimmig handeln, die dann im Kampf für falsche Versprechungen und Ziele verheizt werden, nimmt uns Bakker gefangen. Dabei portraitiert er schonungslos und eindringlich die Sinnlosigkeit und den Grauen des Krieges, beschreibt den Wahn während und die Leere nach den Kämpfen. Hierbei erhebt er aber nie den Zeigefinger, sondern sucht seine Leser zum Mit- und selber Nachdenken anzuregen. Es gelingt ihm, uns betroffen zu machen, uns in seine Gestalten hineinzuziehen, mit den Beschreibungen zu ängstigen. Immer stehen dabei seine Personen im Zentrum seines Interesses, an ihnen zeigt er uns, welche Auswirkungen der Krieg zeitigt, wie das Morden und Schlachten die Menschen verändert, abstumpfen oder verzweifeln lässt. Man spürt förmlich, wie Seelen verkümmern, wie Freundschaften zerbrechen, wie die Menschen aus ihrem angestammten Kulturkreis entwurzelt und damit halt- und hilflos werden. Für Schwäche, für Mitgefühl bleibt kein Platz, hier schaut jeder nur nach sich selbst, oder gerät unter die Räder des rollenden Heerzuges.

Durch diese philosophischen Exkurse erhält der Text eine Tiefe, die mehr als ungewöhnlich ist. Das Finale bietet dann folgerichtig auch keinen grandiosen Sieg, keine Auflösung im herkömmlichen Sinne, sondern ein Ende, das alles offen sieht, das in sich stimmig und gleichzeitig überraschend ist.

Insoweit liegt mit dem „Krieg des Propheten“ eine Trilogie vor, die intelligent, tiefschürfend, innovativ und beeindruckend den Leser packt -- schlicht ein Meisterwerk.

hinzugefügt: March 29th 2008
Tester: Carsten Kuhr
Punkte:
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