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Polzin, Carsten (Hrsg.): Das Fest der Zwerge (Buch)

Carsten Polzin (Hrsg.)
Das Fest der Zwerge
Piper Verlag, 2007, Taschenbuch, 268 Seiten, 7,00 EUR, ISBN 978-3-492-26648-2

Von Gunther Barnewald

Die von Carsten Polzin zusammen gestellte Anthologie enthält 15 phantastische Kurzgeschichten zum Thema Weihnachten bzw. Neujahr.

Erfreulich, dass unter den 15 Autoren 10 deutsche Schriftsteller vertreten sind, die ihre Sache mehr oder minder gut erledigen, die sich aber größtenteils nicht hinter ihren vier US-amerikanischen Kollegen verstecken müssen. Mit Samit Basu ist zudem ein indischer Autor vertreten, der eine atmosphärisch dichte Story beisteuert, die man durchaus als eine der besten Geschichten der Anthologie bezeichnen muss.
Weitere Highlights sind sicherlich Tobias O. Meißners sprachlich ausgefeilte Erzählung, die anspielungsreich und intelligent sozialkritische Themen mit Phantastik verquickt, und Andreas Eschbachs Kurzgeschichte, welche der Verwandlung eines Menschen zu einem Tier eine tragikomische Note verleiht und durch geschickte Andeutung ein psychische Tiefe erzeugt, die in phantastischen Storys eher unüblich ist.
Ebenfalls gelungen ist Thomas M. Dischs „Der Weihnachtsmann-Kompromiss“, eine herrliche Satire, die eine Welt beschreibt, in der Kinder volle Bürgerrechte haben und wie Erwachsene behandelt werden sollen, was bei der Frage, ob es den Weihnachtsmann wirklich gibt, zu ungebremstem investigativen Enthüllungsjournalismus der „Kiddies“ führt. Hier bleibt wirklich kein Auge trocken.
Auch Ray Bradburys „Der Wunsch“ ist, wenn auch schon älteren Datums, immer wieder lesenswert, selbst wenn der Leser W. W. Jakobs „Die Affenpfote“ schon zur Genüge kennt und weiß, dass gewährt Wünsche oft Unheil mit sich bringen. Aber Bradbury gibt in gewohnter Meisterschaft seiner Geschichte gegen Ende eine überraschende Wendung, welche einem sensibleren Menschen (oder einem von diesem speziellen Problem Betroffenen) schon einmal Tränen in die Augen treiben kann.

Neben diesen vier Kurzwerken gibt es eine Menge gut lesbarer Geschichten, wie die vom Weihnachtsmannmörder, der in verschiedenen phantastisch anmutenden Dimensionen seiner Obsession nachgeht und dabei von einem Vampirdetektiv und seiner kleinen Helferin verfolgt wird (A. Lee Martinez).
Oder die Erzählung einer blinden Frau, die durch gutes, selbstloses Handeln sogar dem Teufel eine gute Tat entlockt (Richard Schwarz).
Auch Marliese Arolds stark erzählte Geschichte überzeugt, wenn auch weniger bezüglich des Inhalts als durch die lebendige Protagonistin und die glaubhafte Atmosphäre.
Dan Simmons dagegen schafft es mit einer (in Hinsicht auf den erzählten Hintergrund der Geschichte) unausgereift und halb fertig wirkenden Story trotzdem den Leser zu fesseln und zu faszinieren.
Florian Straubs Vignette von nur 4 Seiten beinhaltet zumindest eine ... na ja ... wenn auch nicht nette, so doch zumindest herrlich garstige Grundidee.
Dagegen fällt Mara Volkers Beitrag deutlich ab. Hier wirkt die historische Atmosphäre ganz und gar nicht stimmig. Gab es im Mittelalter wirklich schon den Begriff des „Engländers“? Hießen die nicht Angeln oder Sachsen? Da zudem die Rahmenhandlung nicht genauer datiert ist, hier aber von „Deutschen“ gesprochen wird, löst dies möglicherweise ebenfalls Stirnrunzeln bei manchem Leser aus. Aber vielleicht spielt die Rahmenhandlung ja nicht in mittelalterlicher Zeit. Neben der historischen Unstimmigkeit ist die Variation der berühmten Kurzgeschichte „Germelshausen“ von Friedrich Gerstecker ebenfalls wenig gelungen, hier werden Klischees aneinander gereiht, das Ganze wirkt eher einschläfernd.

Tiefpunkt der Anthologie sind aber die Geschichten der Herren Heitz, Witzko und Peinkofer, welche die im Genre übliche einfallslose Dumpfbacken-Fantasy propagieren, was aber, sieht man sich die Bestsellererfolge von Markus Heitz an, sicherlich große Käuferschichten anspricht. Wer die üblichen muskelbepackten geistigen Tiefflieger und grenzdebilen Dünnbrettbohrer als Protagonisten mag, der wird bei diesen drei Autoren nicht enttäuscht, abgelutschtes, lallendes Inventar wie Orks und sonstiges Gelichter inklusive.

Trotz dieser Verbeugung vor dem Massenpublikum (immerhin wird der Name Markus Heitz Leser ansprechen, die vielleicht noch gar nicht wissen, dass es auch intelligente Fantasy gibt, was sie dann bei Meißner, Disch oder Bradbury erfahren könnten) hat Carsten Polzin als Herausgeber wirklich gute Arbeit geleistet. „Das Fest der Zwerge“ ist eine (wenn auch nicht durchgängig) lesenswerte Anthologie und den Anschaffungspreis durchaus wert.

Bedenkt man die Seltenheit von Kurzgeschichtenanthologien in Programmen größerer Verlage, kann man als Liebhaber kürzerer Texte nur froh sein, dass Piper mal wieder einen solchen Band wagt. Schön, dass er dann gleich gut gelungen ist. Noch schöner, dass man deutschen Autoren so viel Raum gibt.

hinzugefügt: November 8th 2007
Tester: Gunther Barnewald
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