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Ballard, James Graham: Die Stimmen der Zeit (Buch)

James Graham Ballard
Die Stimmen der Zeit
(The Complete Short Stories (Part 1), 2001)
Deutsche Übersetzung von Wolfgang Eisermann, Charlotte Franke, Alfred Scholz und Michael Walter unter Bearbeitung der Übersetzungen von Angela Herrmann und Hannes Riffel
Heyne Verlag, 2007, Taschenbuch, 988 Seiten, 10,95 EUR, ISBN 978-3-453-52229-9

Von Gunther Barnewald

Der erste Band der gesammelten Kurzgeschichten von James Graham Ballard enthält 38 Storys, die zwischen 1956 und 1963 entstanden.
Ballard, einer der wichtigsten Protagonisten der englischen „New Wave“, die es sich während der 60er Jahre zur Aufgabe gemacht hatte, den „Inner Space“, den „Inneren Raum“, also die Psyche des Menschen, zu erforschen, zeigt in seinen kürzeren Werken, mit welcher Meisterhaftigkeit er zu erzählen weiß. Brillante Ideen, auf frappierende Art und Weise geschrieben, stilistisch kohärent umgesetzt.


Konsequenterweise spielt nur eines seiner Kurzwerke („Die Warte-Gründe“) völlig auf einem fremden Planeten, wo der Protagonist entdeckt, dass mehrere intelligente Rassen, die schon seit Äonen leben, hier auf ein bedeutendes Ereignis warten. Er schließt sich ihnen an, ohne zu begreifen, dass seine lächerlich kurze Lebensspanne ihn zu völliger Bedeutungslosigkeit verdammt. Die Geschichte ist ein erschreckendes Symbol für die Winzigkeit des einzelnen Menschen in Anbetracht des gigantischen Universums.

Etwas exotisches Flair verbreitet „Schlüssel zur Ewigkeit“, wenn auch eher indirekt, werden hier doch fremdartige intergalaktische Reisemöglichkeiten geschildert, wobei die Protagonisten zum Schluss entsetzt erkennen müssen, dass allein die Nachfrage nach Reisezielen einer Buchung gleich kam.

Alle anderen Storys spielen jedoch auf der Erde, auch wenn es manchmal ein arg fremdartiger Planet zu sein scheint, viel befremdlicher als alle extrasolaren Welten es je sein könnten. Da ist zum Beispiel eine Art Künstlerkolonie namens Vermillion Sands, in der sich verrückte Bildhauer, durchgeknallte Stars und wirre Aktionskünstler tummeln. Insgesamt gibt es neun Storys aus dieser dekadenten Künstlerkolonie, von denen sechs hier abgedruckt sind (alle zusammen ergeben den Episodenroman „Die Tausend Träume von Stellavista“).
In Vermillion Sands geschehen die absurdesten Dinge. Während sich in „Prima Belladonna“ eine Sängerin in eine Geräusche emittierende, genmanipulierte Pflanze verliebt und mit ihr kopuliert, treibt eine Künstlerin in „Venus lächelt” mit ihrem Kunstwerk, einer sich vermehrenden, ständig wachsenden Orgelpfeifenskulptur, alle zum Wahnsinn, da sich die im Wind summenden Pfeifen wie Schimmel überall ausbreiten, selbst nachdem man das Kunstwerk geschreddert hatte. In „Studio 5” taucht sogar eine Fleisch gewordene Verkörperung der Muse auf, um die jungen Dichter davon abzuhalten, alle ihre Gedichte nur noch per Knopfdruck aus Lyrikmaschinen entstehen zu lassen.

Ballards „Vermillion-Sands“-Geschichten sind sicherlich seine lyrischsten und romantischsten Werke überhaupt. Zwar wiederholt sich die Handlung eigentlich in fast jeder Geschichte (immer taucht eine geheimnisvolle schöne Femme fatal im Leben des Protagonisten auf und wirbelt es gewaltig durcheinander, bevor sie wieder verschwindet), trotzdem sind die Variationen dieser Grundgeschichte interessant zu lesen und fesselnd geschrieben.


Viele Geschichten sind zweifellos von der psychoanalytischen Theorie inspiriert (z. B. die geschilderten zwanghaften Reinszinierungen oder der Ödipus-Komplex des berühmten Regisseurs Charles van Stratten in „Das Kulissenspiel“), die Vorgänge richten sich nach dieser psychodynamischen Theorie aus, was auch für Erzählungen Ballards gilt, die nicht in Vermillion Sands spielen.
Ballards Protagonisten sind dabei austauschbare Niemande, die entweder nur Beobachter des unheimlichen Geschehens sind, oder (meist) selbst Opfer der jeweiligen Femme fatal werden. Selbst wenn die geheimnisvollen Frauen gar nicht mehr persönlich anwesend sind, sondern nur in Form einer gespeicherten Persönlichkeit („The Tausend Träume von Stellavista“) oder durch ihr Kunstwerk („Venus lächelt“) stellvertretend vorkommen, so entfalten sie doch immer eine gleichermaßen zerstörerische Wirkung, bedrohen Leben und Integrität der Männer, die sich in sie verliebt haben, machen diese zum fast hilflosen Spielball ihrer Besessenheit.

Trotz dieser schematischen Wiederholung desselben Grundkonflikts in jeder Erzählung gewinnt die unheilschwangere Atmosphäre jeder Geschichte immer wieder erneut an Bedrohlichkeit durch die stilistische Brillanz des Autors und vor allem durch die tollen Ideen, die Ballard immer wieder einstreut. Die singenden sonischen Plastiken, die Geräusche produzierenden Pflanzen, die merkwürdigen Lebewesen in der Wüste und die psychotropen Häuser, die ihre Räume verformen können, sich den Wünschen und Empfindungen ihrer Besitzer anpassen können und mit der Persönlichkeit des Erstbesitzers ausgestattet sind, erschaffen eine wunderbar surreale Atmosphäre, der man sich als Leser nur schwer entziehen kann. Sie sind der eigentliche Höhepunkt der Geschichten und machen einen Großteil des frappierenden Reizes der „Vermillion-Sands“-Geschichten aus.

Aber auch andere Kurzgeschichten in „Die Stimmen der Zeit“ haben es in sich.
So schildert der Autor in „Der unterbewusste Mensch“ das Zerrbild einer kapitalistischen Welt, in der man kaum noch telefonieren kann ohne ständige Werbeunterbrechungen, Autos alle gleich sind und sogar die gleiche Farbe haben, Straßen so gebaut werden, dass ältere Reifen und Fahrzeuge auf ihnen sofort zu Bruch gehen und der Verbraucher sich so ständig neue Fahrzeuge leisten muss. Ein Rabattsystem zwingt die Leute, sich jedes Produkt mehrfach zuzulegen. Wer nicht genug kauft, dessen Kaufunlust wird beim Betreten eines Kaufhauses anhand seines Kontostandes öffentlich gemacht, was seinen Nachbarn oder anderen Supermarktbesuchern Ermäßigungen verwehrt, weshalb diese wiederum wütend auf den „Verweigerer“ reagieren und so sozialer Druck ausgeübt wird. Als Höhepunkt installiert man nun gigantische Werbetafeln, deren Botschaften nur noch vom Unterbewusstsein wahrgenommen werden können, und die alle Menschen zwingen, ständig noch mehr und mehr zu kaufen.

Und während in „Die Konzentrationsstadt“ ein junger Mann in einer völlig zugebauten und übervölkerten Welt entdecken muss, dass er, wenn er lange genug mit der Schnellbahn fährt, nicht nur zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrt, sondern auch am Abreisetag dort ankommt, versinken die Versuchspersonen eines Experiments („Einstieg 69“), bei dem man ihnen das Schlafbedürfnis völlig wegoperiert hat, in ihrer eigenen kleinen und immer kleiner werdenden Welt (eine Idee, die man für eine der besten Folgen von „Star Trek – The Next Generation“ wieder aufgegriffen hat).

Neben dem kleinen surrealen Meisterwerk „Der Garten der Zeit“ besticht vor allem „Chronopolis“, welches eine untergegangene Megacity zeigt, in der nur die Diktatur der Uhren verhindern konnte, dass ein Kollaps eintrat. Diese verfallene Stadt war dereinst dermaßen übervölkert, dass man verschiedene Zifferblattfarben für unterschiedliche Arbeitnehmer erfunden hat, um die Menschenströme zu kanalisieren. So hatten nur immer bestimmte Menschen zu bestimmten Zeiten die Nutzungsrechte aller Einrichtungen der Stadt. Wasserverbrauch, Essen und alles andere war an bestimmte farblich codierte Ausweise gebunden, man durfte nur zu festen Zeiten baden, kochen, die Toilette benutzen, über bestimmte Straßen laufen und so weiter, um ein Überforderung der städtischen Systeme zu verhindern. Nach dem Zusammenbruch hatte deshalb eine so genannte „Zeitpolizei“ dafür gesorgt, dass alle Uhren abgeschafft oder zerstört wurden. Doch der junge Protagonist liebt das geregelte Leben, welches Uhren vorgeben können, und verstößt so gegen die Regeln des Systems, bis er schließlich im Gefängnis landet, wo ihm klar wird, welche Folter das eintönige, unbarmherzige Ticken einer Uhr auch sein kann.


Insgesamt sind alle 38 Storys bestechend und lesenswert, die besten von ihnen sind unbestrittene Meisterwerke der Phantastik, hervorragende Beispiele für Ideen-SF und deren nahezu perfekte Umsetzung. Leider hinken die Übersetzungen dieser Qualität trotz der Überarbeitungen etwas hinterher, denn der Gebrauch von Wörtern wie Psychoten (richtig wäre Psychotikern) oder Nervenchirurgen (besser wäre hier Neurochirurgen) verwässern den rundum positiven Eindruck der vorliegenden Ausgabe, trotz der Überarbeitung.
Die Erzählungen Ballards faszinieren den Leser mit ihrer erschreckenden Schönheit, denn von eigentlich allen Kurzgeschichte geht dieses scheinbar unvereinbare Flair zwischen Faszination und Entsetzen aus. Niemand möchte ernsthaft in Ballards kühlen und verstörenden Welten leben, in denen z. B. Menschen plötzlich von riesigen Wachttürmen beobachtet werden („Die Wachttürme“), nur um sich kurze Zeit später gar nicht mehr an deren Existenz erinnern zu können. Meist sind die Protagonisten erschütternden Grenzerfahrungen ausgesetzt und der Leser ist dankbar, wenn er mit einer ähnlichen Grenzsituation nie im realen Leben konfrontiert ist. Aber gerade dieses Ausloten von Limits, der Blick in eine ebenso grauenhafte wie faszinierende Gegenrealität, macht den Reiz von Ballards surrealem Werk aus. Und dafür stehen diese 38 ebenso kreativen wie den Leser erschütternden Erzählungen in „Die Stimmen der Zeit“.

hinzugefügt: May 29th 2007
Tester: Gunther Barnewald
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