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Suspected Death of a Minor (DVD)

Suspected Death of a Minor
Italien 1975, Regie: Sergio Martino, mit Claudio Cassinelli, Mel Ferrer, Lia Tanzi u.a.

Von Thomas Harbach

In Zusammenarbeit mit Unexpected präsentiert Sazuma in einer weltweiten Erstveröffentlichung auf DVD einen sehr seltenen Thriller von Sergio Martino als Auftakt ihrer Italian Genre Cinema Collection. „Morte Sospetta di una Minorenne“ ist 1975 entstanden und stellt eine fast unbekümmerte Genremischung am Vorabend des italienischen Kinos dar. Sergio Martino überträgt Züge des Giallos in das Polizeigenre, das in erster Linie durch Umberto Lenzis brutale Großstadthriller mit Thomas Milian als „Die Kröte“ so populär geworden ist. Dazu finden sich Anspielungen auf die damalige politische Situation in Kombination mit einigen horrorfilmartigen Abschnitten. Das erste Drittel des Films beherrschen allerdings die manchmal zum Klischee gewordenen Bestandteile des Giallos.

Aber auch die politische Botschaft wird klar und deutlich linkspolitisch, wenn auch nicht kommunistisch festgelegt. Überhaupt sieht Sergio Martino nicht selten mit einem zynischen Auge die Korruption und seine nihilistische Einstellung gegenüber der Politik, den Medien und schließlich auch der unfähigen Polizei – es sei denn, sie wird durch rücksichtslos auftretende Einzelgänger vertreten, die noch ihre Aufgabe als Berufung und ihre Mission als heilig ansehen. Verbrechen und Korruption scheinen die einzigen lohnenswerten Einnahmequellen im Land jenseits der Alpen zu sein. Insbesondere an diesem Film kann man sehr gut erkennen, dass die bittere Ironie der besten Italo-Western aus den Weiten des scheinbaren Westens in die Großstädte und vor allem zu den gesellschaftlich einflussreichen Familien zurückgekehrt ist. Ganz bewusst lässt der Regisseur in der Exposition seine Zuschauer in Hinblick auf den Hauptdarsteller Paolo Germi – eine manchmal unterkühlte, aber nuancierte Darstellung eines Mannes ohne richtiges Ziel – im Dunkeln. Auf einer Tanzveranstaltung lernt er eine junge Frau kennen, die kurze Zeit später in panischer Angst vor einem anderen Mann mit einer reflektierenden Sonnenbrille flieht. Die Kamera folgt ihrer Flucht und dem gescheiterten Versuch, mit einem Verwandten in Kontakt zu treten. Den ersten Angriff des potentiellen Killers gleich zu Beginn kann sie viel zu leicht abwehren, um dann beim zweiten Angriff auf eine effektive, brutale Art ermordet zu werden. Paolo Germi beginnt auf eigene Faust nach dem Täter zu suchen, während seine Polizeikollegen schon bald den Fall am liebsten zu den Akten legen wollen. Zusammen mit dem Kleinganoven Giannino – bis auf zwei effektive Szenen klassischer und nicht überzeugender Comic Relief – beginnt er einige Prostituierte und Mitwisser zu verhören und stößt bald auf ein unübersichtliches Geflecht aus Kindesentführung, Prostitution von minderjährigen Teenagern und schließlich auch organisiertes Verbrechen. Hier räumt der Killer vom Auftakt des Films gnadenlos und sehr brutal auf, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die beiden ungleichen Männer im direkten Duell aufeinander stoßen.

Wie schwer es Sergio Martino Gefallen ist, den Film einem Genre zuzuordnen, zeigt sich an einer Reihe von Szenen. Ist es Zufall oder eine Hommage an Argentos „Deep Red“, dass Martino den Mord an der Hotelwirtin – sie bricht im Todeskampf halb durch ein geschlossenes Fenster und fügt sich weitere, stark blutende Verletzungen zu – wie einen klassischen Giallo inszeniert und mit der rasanten, aber absurden Verfolgungsjagd durch Milan – hier in einer ramponierten Ente, in Argentos Film rasen David Hemmings und Dario Nicolodi mit einem Kleinwagen durch die nächtlichen Straßen – einen Actionhöhepunkt setzt? Auf der anderen Seite finden sich mit dem in Fußballwetten vernarrten Polizisten, dem auf offener Straße seine Tasche von einem jungen Mann auf einer Vespa gestohlen wird, Anspielungen auf die eher realistischen Polizeithrillers Fernando di Leos und Umberto Lenzis. Alle Gewalttaten sind eindeutig von klassischen Giallo geprägt. Dunkle Gänge, der Täter trägt anstelle der Handschuhe und der schwarzen Kleidung – die nicht selten eine Frau verbergen soll – zwar eine reflektierende Sonnenbrille, doch seine tätlichen Angriffe auf in erster Linie leicht bekleidete Frauen folgen des Gesetzmäßigkeiten Mario Bavas und seine Epigonen. Nachdem eines der Opfer sein Gesicht mit Lauge verätzt hat, sieht er allerdings bei seinem Auftritt in einem dunklen Kino – das einen Sergio Martino Film spielt und später eine der effektivsten Actionsequenzen des Films befriedigend abschließt – wie ein junger Arnold Schwarzenegger mit siebziger Jahre Frisur in einem Polizei- Terminatorfilm aus. Zuletzt wäre noch die politische Bedeutung, die sich unter anderem auch im Schicksal der aus dem armen Süditalien in die Industriestädte des Nordens zeigt. Immer wieder legt Martino auf ungewöhnliche offene Art seinen Finger in die Wunden dieses korrupten von der offiziellen Mafia und den wenigen patriarchalischen Familien beherrschten Land, das über kein funktionierendes demokratisches System verfügte und verfügt. Vom Geld beherrscht müssen insbesondere Staatsanwaltschaft und Polizei fast tatenlos zusehen, wie einige wenige Männer sich selbst bereichern und ihre Widersacher töten oder kaufen. Martino verzichtet allerdings auf ein bösartiges Ende, in dem er aus der scheinbar gelungenen Bestechung einen Köder macht.


Die reinen Actionsequenzen – neben den Verfolgungsjagden auf dem Dach des Kinos und in den Straßen Milans gehört auch noch das Duell in einer Achterbahn und schließlich der Showdown auf einem Autoreisezug zu den sehr guten und überraschend innovativ inszenierten Szenen des Films – stehen augenscheinlich im Widerspruch zu den stimmungsvollen, gesetzten Giallo-Filmen, doch Sergio Martino überrascht immer wieder durch interessante Zwischenschnitte. Ihm gelingt es in einer Absteige eine einzigartig bedrohliche Atmosphäre zu erschaffen, die Kritik an der sich selbst als außerhalb des Gesetzes stehenden gehobenen Gesellschaft mit ihren perversen oder morbiden Vorlieben und die konsequente Bestrafung sind allerdings Elemente einer Reihe von Mario Bava Filmen. Auch die Morde – sowohl von der Anzahl als auch der Ausführung – lehnen sich mehr an das Horrorgenre, als die traditionellen Polizistenfilme an. Im Wege steht dem Film aber die unausgeglichene Mischung aus manchmal kindlichen Humor – die Verfolgungsjagd gipfelt in einem auf dem Hinterrad mühsam das Gleichgewicht haltenden Radfahrer und einem Pirouetten drehenden Fußgänger – und ironischen kleinen Gesten. So geht dem ermittelnden Kommissar Paolo Germi mehrmals die Brille kaputt, unter anderem auch einmal im Bett mit einer aus staatlichen Geldern bezahlten Prostituierten oder Informantin. Sergio Martino hält an einigen Stellen nur etwas mühsam die Balance zwischen den einzelnen Genres, an anderen Stellen beginnt er mit den entsprechenden Gesetzmäßigkeiten zu kokettieren und fügt seinem unterhaltsamen Film einige atemberaubende und einige unterhaltsame Elemente hinzu. Unterstützung findet er weniger in dem manchmal sehr konstruierten und wenig stimmungsvollen, sondern eher distanzierten Drehbuch, sondern in der guten Kameraarbeit Giancarlo Ferrandos und in der sehr nuancierten, passenden Musik Luciano Michelinis. Das Vergnügen runden die erfahrenen Schauspieler mit ihren einprägsamen Gesichtern ab. Mel Ferrer in einer bärtigen Nebenrolle agiert solide, während Gianfranco Barra in einer Reihe von Thrillern vor der Kamera gestanden hat und in Tom Tykerws unterschätzten „Heaven“ ein willkommenes Comeback feiern konnte. Dazu kommen natürlich noch die schönen italienischen Frauen wie Jenny Tamburi oder Barbara Magnolfi, unverbrauchte Gesichter am Beginn ihrer Karrieren. Sergio Martino ist ein zu routinierter, aber intelligenter Regisseur, um aus diesen abwechselungsreichen, aber nicht unbedingt wirklich überzeugenden Stoff nicht zumindest einen geradlinigen Unterhaltungsfilm zu machen, der sein Comeback bzw. seine Premiere in Deutschland verdient hat. Sein Stil ist handwerklich bodenständig mit einigen Abstechern ins Geniale. Er ist kein Dario Argento, der sich in erster Linie selbst befriedigt, sondern sich seiner Verantwortung für das Publikum durchaus bewusst. Und genauso wirkt dieser Film – solide, abwechselungsreich, manchmal spannend und im gleichen Atemzug verwirrend, der klassische Kampf zwischen dem Proletariat und dem Kapital, also ein Visconti für das Fußvolk im Gewand eines Polizeithrillers und mit der Ambition eines Giallos.


Im Mittelpunkt der Extras steht neben einer kurzen Einführung durch Sergio Martino ein 25minütiges Interview mit Sergio Martino, in dessen Mittelpunkt natürlich die Dreharbeiten an diesem Polize-Giallo stehen. So erwähnt er die Änderung des Filmtitels, von der Produktionsfirma erwirkt, um den Film aus dem Genre des harten Polizeithrillers wieder mehr an die auch plottechnisch komplexen, komplizierten Gialli mit ihren auch verklausulierten Titel heranzurücken und beschreibt das geschäftliche als auch private Verhältnis zu seinem Bruder, der als Produzent bei diesem Film fungierte. Er bleibt aber bei seinen Äußerungen kritisch, fair und ein wenig distanziert. Dann beschreibt er sehr lebhaft den Casting-Prozess und vor allem seine Eindrücke von den erfahrenen Schauspielern wie auch den jungen, unverbrauchten Gesichtern. Über diese Hintertür werden seine Antworten vielschichtiger und schnell erfährt der Zuhörer einiges an Hintergrundinformationen insbesondere über die Geburtswehen einiger italienischer Kinofilme und ihre einzigartige Stellung sowohl an der eigenen als auch der ausländischen Kinokasse. Unterbrochen wird das Interview immer wieder für einen Augenblick durch kurze Filmausschnitte, damit man den Namen auch die entsprechenden Gesichter zuordnen kann. Es ist auch interessant etwas über die weniger berühmten Schauspieler und ihr Leben nach der großen Leinwand zu hören. Das Interview rundet diese DVD sehr gut ab und lädt ein, einige Stellen des Films ein zweites oder mit dem Audiokommentar drittes Mal zu sehen. Immer wieder kommt er allerdings auf die Produktion dieses Films zurück und bemüht sich ein ambivalentes Bild der Dreharbeiten zu präsentieren. Als Regisseur sieht er sich im Mittelpunkt eines gut funktionierenden Teams und nicht als Diktator hinter der Kamera. Inzwischen ein gesetzter älterer Herr kann man ihn schwer mit einer Reihe von brutalen, harten Thrillern, Gialli und vor allem zwei Ausflügen ins Kannibalen-Genre in Verbindung bringen. Zum Abschluss des Interviews berichtet er aber auch von einer Stunt-Szene, die nicht wie geplant abgelaufen ist und mit der Verletzung eines Beteiligten endete. Jahre später wird bei den Dreharbeiten zu „Paco - Kampfmaschine des Todes“ durch einen Fehler eines Hubschrauberpiloten sogar einer seiner Schauspieler ums Leben kommen. Die Überleitung zum Audiokommentar von Christian Keßler – der in seiner flapsigen Art zumindest ein interessantes, wenn auch oberflächliches Booklet für die DVD geschrieben hat – und Robert Zion fällt nicht unbedingt leicht. Sie ergänzen Sergio Martinos Antworten mit einer wahren Flut von Fakten und führen den Zuschauer nicht nur durch diesen Film, sondern das komplette Genre des Polizeifilms. Dazu kommen einige aktuelle politische Anspielungen, die zeigen, dass zumindest in der Politik und im Sport die Zeit in Italien wirklich stehen geblieben ist. Gegen Ende des Films beschränken sie sich allerdings auf eine Beschreibung des Geschehens auf der Leinwand. Trotzdem bleibt der positive Eindruck, mehr über die siebziger Jahre in Italien erfahren zu haben oder wieder vor Augen geführt zu bekommen. Auffällig ist allerdings, dass insbesondere Christian Keßler seine lockere Art des Schreibens nicht auf den Audiokommentar übertragen kann und oft wirkt ihre Begleitung zu trocken und zu ernst.
Neben einem versteckten Easter Egg findet sich eine aus neun Bildern bestehende Postergalerie, in der im Grunde zwei Poster aufgeteilt präsentiert werden und ein flotter italienischer Trailer von ebenfalls überraschender Qualität.
Der eigentliche Film ist auf wunderbare Weise restauriert worden und wenn einige Quellen von einem schlechten Original sprechen, so merkt man es der DVD-Präsentation nicht an. Die Schärfe ist insbesondere für eine italienische Produktion dieser Zeit ungewöhnlich gut, die Farben satt und in frischem Glanz. Nur die Schwankungen in der Helligkeit irritieren ein wenig. In Kombination mit dem italienischen Originalton wird man so nah wie möglich an das originäre Kinoerlebnis herangeführt wie heute möglich. Die von Goblins Soundtrack zu „Profondo Rosso“ inspirierte Musik kommt entsprechend kraftvoll beim Zuschauer an, nur die Dialogpassagen wirken manchmal ein wenig kraftlos. Eine hervorragende technische Bearbeitung eines interessanten, wenn auch nicht herausragenden Films.

DVD-Facts:
Bild: 2,35:1 (Widescreen anamorph)
Ton: italienisch Dolby Digital 2.0 Mono
Untertitel: deutsch, englisch, niederländisch

DVD-Extras:
Einführung durch den Regisseur, Interview mit dem Regisseur, Audiokommentar der Filmkritiker Christian Keßler und Robert Zion, Featurette „Crime Scene Milan

hinzugefügt: October 19th 2006
Tester: Thomas Harbach
Punkte:
zugehöriger Link: Homepage des Anbieters
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