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Hohlbein, Wolfgang: Das Paulus Evangelium (Buch)

Wolfgang Hohlbein
Das Paulus Evangelium

Thriller, vgs, gebunden, 703 Seiten, 19,90 EURISBN 3-80253479-4

Von Oliver Naujoks

Vatikan-Geheimnisse, Killer im Priestergewand, Wolfgang Hohlbein auf den Spuren Dan Browns? Die überraschende Antwort: Eigentlich nicht. Bis auf die eben genannten Äußerlichkeiten hat es sich dann mit den Parallelen zwischen dem „Paulus Evangelium“ und Dan Browns Mega-Bestseller „Sakrileg“. Während Brown sich an einem pseudohistorischen und –theologischen Roman mit Thriller-Elementen versuchte, sind die Jesus-Bezüge im „Paulus Evangelium“ ersichtlich nur der Aufhänger - das, was Alfred Hitchcock MacGuffin genannt hat - für einen schnörkellosen Thriller.
Eine sehr wichtige Gemeinsamkeit beider Romane, die man nicht vorher planen kann, sei aber noch genannt: Beide Bücher sind äußerst temporeiche Page-Turner.

Kurz zum Inhalt: Die beiden Freizeit-Hacker Marc und Guido dringen in einen Computer des Vatikans ein und stoßen auf Bildmaterial, dass die Heilsgeschichte ganz anders erzählt, als bisher bekannt. Kurz darauf werden sie von Häschern und Killern verfolgt..

Auch und gerade, weil die (zugegeben gering vorhandenen) äußerlichen Fakten ganz ordentlich recherchiert scheinen, nimmt es doch Wunder, was für einen Aufhänger Wolfgang Hohlbein gewählt hat: Die Visualisierung eines apokryphen Evangeliums als Existenzbedrohung der römisch-katholischen Kirche, so dass ein Kardinal dort Killer auf die beiden Helden meint, losschicken zu müssen, um sie zum Schweigen zu bringen? Das ist verdammt wenig, verdammt unkontrovers. Apokryphe Evangelien werden seit dem Anbeginn der Christenheit verbreitet, diskutiert, mal verboten, dann wieder enthüllt, das ist nun wahrlich nichts, worüber sich noch jemand aufregen könnte. Interessanter Weise wird genau das in dem Roman dann auch von den Protagonisten zum Thema gemacht; dass die ganze Aufregung eigentlich nicht lohnt - aber, wie gesagt, mehr als ein MacGuffin soll es auch nicht sein.

Natürlich könnte man viel kritisieren: Das Personenarsenal ist grobschlächtig charakterisiert, der Roman spielt nicht in dieser Welt, sondern im Thriller-Niemandsland, da, wo man nie mit Kreditkarte bezahlen darf, weil sonst in einer Minute die Polizei vor der Tür steht und wo die ganze Welt eigentlich nur eine Bühne für Agentenspielchen ist. Wer schon einige Hohlbein-Romane gelesen hat, wird ferner gewisse Standard-Handlungswendungen, -Charakterisierungen u.ä. aus früheren Romanen wieder erkennen, auch und gerade die beiden Hauptfiguren Marc und Jezebel sind wie häufig ferne Echos früherer Charaktere aus seinen Büchern. Wie häufig darf man sich auch nicht darüber wundern, dass die Helden, wenn es passen muss, erstaunliche Fähigkeiten entwickeln oder neue Charakterzüge an den Tag legen.

Auch stilistisch ist dies ein typischer Hohlbein-Roman, bei welchem man fast mit Checkliste, die nicht immer gerne gesehenen und gelesenen Marotten des Autors abhaken kann: Da kichern Leute „in sich hinein“, Personen treten nervös von einem Fuß auf den anderen, Fragen werden häufig mit einem „.., wie?“ abgeschlossen, viele der Lieblingsformulierungen finden sich auch hier.
Neu und noch weniger gerne gesehen in seinem Vokabular ist die mangels ordentlich durchgeführter Quarantäne-Maßnahmen in Deutschland sich epidemisch ausbreitende „Nicht wirklich“-Krankheit. Auch dieser Roman zeichnet sich durch einen inflationären Gebrauch dieser nicht falschen, in ihrer ständigen, exzessiven Verwendung aber enervierenden Formulierung aus.

Trotzdem bezeugt auch dieser Roman, warum Wolfgang Hohlbein einen so außerordentlichen Erfolg hat: Denn all diese Kritikpunkte tun dem Unterhaltungswert des Romans keinerlei Abbruch, und damit wären wir beim Lob. Als Thriller funktioniert das „Paulus Evangelium“ exzellent, das Tempo ist praktisch von Seite 1 an bis zum Schluss auf Seite 703 atemberaubend hoch und die Charaktere sind genau so ausreichend charakterisiert, dass man mit ihnen mitbangt.
Zwei außerordentliche Stärken seien gesondert erwähnt: Fabelhaft geschriebene, fesselnde Action-Szenen, sowie das Vermögen des Autors, sich in Situationen einzufühlen, was für Dialogszenen sorgt, die teilweise außerordentlich lebendig und passend wirken. Und nicht nur das, manchmal sind die Dialoge regelrecht spritzig, was den Unterhaltungswert nur noch mehr steigert.
Erstaunlich an dem hohen Tempo ist auch, dass der Autor gerade in der ersten Hälfte ausnehmend lange, eigentlich viel zu lange Szenen konstruiert, da dauert eine simple Hubschrauber-Landung schon mal geschlagene 4 (!) Seiten und man trotzdem nie zum Atem holen kommt. In der zweiten Hälfte wird dann innerlich und äußerlich (kürzere Kapitel, häufige(re) Szenenwechsel) das Tempo geschickt gesteigert.

Zugegeben, wenn man den Roman zuklappt, muss man nach der Lektüre feststellen, dass der Nährwert des Gelesenen eher gering ist, auf den zurück liegenden 700 Seiten wurde man aber überaus temporeich, manchmal richtiggehend humorvoll, sehr spannend und mithin blendend unterhalten. Das ist viel Wert. Für Freunde spannender und temporeicher Thriller eine unbedingte Empfehlung.

Aufgrund seiner sympathischen Attitüde, dass das Buch nicht mehr zu sein vorgibt, als es ist, hat Hohlbeins „Paulus Evangelium“ Dan Browns „Sakrileg“ sogar eine Menge voraus: Es verhebt sich nicht.

hinzugefügt: August 27th 2006
Tester: Oliver Naujoks
Punkte:
zugehöriger Link: VGS Verlag
Hits: 1871
Sprache: german

  

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