Im Gespräch mit: Christian von Aster
Datum: Tuesday, 19.May. @ 22:29:00 CEST
Thema: Interview


Christian von Aster, Jahrgang 1973, ist ein Autor mit verschiedenen Gesichtern, der sich nicht so leicht in eine Schublade stecken lässt. Sicher ist, dass er aus unterschiedlichen Gründen Worte auf Papier schmeichelt, die in den meisten Fällen (von weiteren Worten gefolgt) auf chronologisch geordneten Seiten enden, um dann schlussendlich ein Buch zu formen. Zuletzt erschien bei Lyx seine etwas andere - manche würden auch sagen: ganz eigene - „Zwergen“-Trilogie. Grund genug für unseren Redakteur Carsten Kuhr, dem Autor ein wenig aufs Zahnfleisch zu fühlen.

Hallo Christian. Du bist bekannt als Querdenker. Wie war es für Dich, als Du zum ersten Mal dem breiten Massengeschmack folgend schreiben musstest - war das nicht, na nennen wir es einmal, gewöhnungsbedürftig?

Ein gleichsam begrüßungswärtiges Hallo. Das mit dem Querdenker ist mir neu. Aber der Titel ist sicher charmanter als das meiste, für das ich tatsächlich bekannt bin… Interessanterweise wurde meiner Denkweise im Falle der großen Erzferkelprophezeiung keinerlei Sedativ verabreicht. Ich habe mich in den Stollen redlich ausgetobt. Der einzige Beschnitt war meine Sprache. Im Sinne des Lesers legte meine zauberhafte Lektorin mir mitunter nahe, aus einem Satz eher drei zu machen und die ein oder andere Verbalverschwurbelung etwas eingängiger zu gestalten. Und obwohl der Verlag natürlich auf jener zwergischen Welle reiten wollte, die seinerzeit durch die Stollen schwappte, hat er mir von vornherein freie Hand gelassen. Ob er es im Nachhinein bereut hat, Weiß ich allerdings nicht.

Warum hast Du Dich entscheiden, dem breitgetrampelten Pfad der Fantasy-Völkerromane zu folgen? war es schlicht der Mammon, oder auch die Chance einer breiteren Öffentlichkeit Dein Talent zu zeigen, der Ansporn, einem recht ausgelutschten Thema eine neue, frische Seite abzugewinnen?

Ich wollte inmitten des bunten Völkergetümmels, das inzwischen ja bis zur Rückkehr der Läuse der Oger reicht, mit meinem kleinwüchsigen Epos vor allem etwas schaffen, das anders ist. Ob mir das gelungen ist, müssen freilich andere beurteilen. Die meisten der besagten Bücher leben ja davon, dass sie das Bild bedienen, das der Leser von einem Volk hat. Ich wollte ihm ein anderes geben…Darum verstehe ich das Buch übrigens auch nicht als Parodie. Hätte Lyx das Buch nicht gewollt, hätte ich es für mich getan. Kobolde habe ich bereits in limitierten Holz- und Trolle in Schieferbüchern bedacht. Und für den Mammon hätte ich mich wahrscheinlich besser auf ein sinnlich sensibles Vampirswingerclub-Epos konzentriert.

Du bezeichnest Dich selbst auf Deiner Webseite als „trotziger Autor“ - warum und in welcher Hinsicht trotzig?

Ich vertrete vor allem den Gedanken, dass man als Autor subversiv vergnüglicher Geschichten die Kleinverlagsebene verlassen kann, ohne unnötige Kompromisse einzugehen. Die meisten Leute legen mir nahe, etwas zu schreiben, dass sich gut verkauft um mit der Sicherheit dieses Geldes dann meinen unkommerziellen Steckenpferden zu frönen. Ohne mich für etwas Besseres zu halten, versuche ich vor allem, diesem Gedanken zu trotzen. Obwohl die Idee mit dem sinnlich sensiblen Vampirswingerclub-Epos vielleicht gar nicht so schlecht ist.

Einstmals, vor langer Zeit hast Du Dich studierender Weise den Themata Germanistik und Kunst angenähert – was ist davon hängengeblieben, kann man das als freischaffender Autor und Filmemacher gebrauchen, was das staatlich verordnete Bildungswesen einem zu vermitteln sucht?

Nein. Zumindest ich nicht. Dazu vielleicht eine wohl prägende Anekdote meines gesamten Studiums: Während ich mit meinem Kunstprofessor vor einer meiner Arbeiten stand, raunte ich ihm zu: „Naja, das ist dann wohl knapp vorbei an der Aufgabenstellung.“ Darauf antwortete er: „Ach, Aufgaben sind etwas für Leute, die nicht wissen was sie tun sollen.“

Deine Lesungen sind nicht nur in der Szene bekannt als ein Ereignis. Kommt das alles spontan, oder bereitest Du Deine Auftritte gar minutiös vor?

Ich habe meist ein Thema und einige zentrale fixe Texte dabei. Das ganze wird ja meist angekündigt. Davon ab eine kleine Auswahl von Malsehenwiesiedraufsind-Texten und dann meist noch eins zwei neue Texte, für die das jeweilige Publikum als Versuchskaninchen herhalten muss. Grundsätzlich sind meine Stärken und das, was den Ruf meiner Lesungen ausmacht, glaube ich die Tatsache, dass ich Genre-Grenzen liebevoll ignoriere.

Stichwort Preise. Deine Werke – sowohl die cineastischen wie die Prosa – wurden mit Ehrungen ausgezeichnet. Was bedeuten diese für Dich?

Es ist grundsätzlich eine wichtige Bestätigung. Vor allem wenn man als Autor ahnt, dass der Reichtum noch ein wenig auf sich warten lässt, sind Preise und der Zuspruch des Publikums nahrhafte Unerlässlichkeiten. Aber vor allem ist es die Bestätigung, dass man etwas richtig macht. Einige dieser Preise bekam ich schließlich für Dinge, die die meisten Leute im Vorfeld für sinnlos hielten. Ich denke, am ehesten lässt sich mein Verhältnis zu Preisen, ebenso wie übrigens auch zum Mammon, mit einem Zitat Ludwig Börnes umschreiben: „Erfolg ist immer eine Folgeerscheinung. Er darf niemals zum Ziel werden.“ (Hach, ich liebe es, wenn Interviews mir die Möglichkeit geben, wie ein hundertjähriger Zen-Meister zu klingen.)

Warum bist Du ausgerechnet auf die Zwerge verfallen - ein gemeinsames Laster, der Gerstensaft - oder die Statur, oder weil die in der modernen Fantasy meist einen auf die Zipfelmütze bekommen?

Hach, meine kleinen bärtigen Erzengel… Ich fand sie vor allem so außerordentlich menschlich und wollte ihre Welt als entsprechende Allegorie gestalten. Meine Zwerge sind ja letztendlich reaktionäre Spießer, deren Weltbild vor allem von seiner Begrenzung lebt. Der Glaube an längst überholte Traditionen, eine bedingt qualifizierte Obrigkeit und eine Religion ausgehöhlter Rituale. Davon ab sind sie freilich von einem unbedingten Glauben an die Arbeit und das Kapital beseelt und jeder für sich mit charmanter Ignoranz und sympathischer Hybris versehen. Als Individuen und Kollektiv bestärken sie sich gegenseitig darin, dass es nichts Bedeutsames außer ihnen selbst gibt.

Soweit mir bekannt, war ja zunächst nur ein Roman zu den Zwergen geplant. Der Erfolg nötigte dann Verlag wie auch den Verfasser dazu, eine Trilogie draus zu basteln. Warst Du leicht zu nötigen?

Da bist du allerdings falsch informiert. Denn das Ganze war tatsächlich von Anfang an als Trilogie geplant. Von meiner Seite jedoch tatsächlich nicht als klassische. Ich wollte drei vollkommen verschiedene Bücher schreiben, mit verschienen Schwerpunkten und dem einzigen klassischen Moment der sich entwickelnden Heldengruppe.
Im ersten Teil wird das Eherne Imperium aufgebaut, im zweiten zerrüttetet und im dritten eröffnet sich die Gegenwelt der Entzwergten. (Das mit dem Erfolg klingt aber schon auch irgendwie schön).

Hat das Schreiben der Zwerge Spaß gemacht?

Fürwahr, fürwahr .Von der Wurzel bis zur Spitze, den ganzen Bart! Vor allem sicherlich, weil ich Hammer und Felsen selber wählen durfte.

Inwieweit hattest Du schon Fährten im Auftaktroman gelegt, die Du in den beiden Fortsetzungen dann aufgreifen konntest?

Die wichtigsten Steigeisen, die ich mir in Stollenwände schlug, waren die mysteriöse Figur des Wächters, das Mysterium um den Tod der Weibzwerge und jene schauderhafte Welt der Entzwergten, die angeblich ihre Toten rauchen. Von diesen Stationen wusste ich einiges. Und der allerwichtigste Punkt war tatsächlich das Moment, das nun wirklich am Ende der Trilogie steht. Ich habe es im Rollenspiel selbst einmal so erlebt, mit den gleichen Worten, und genau da sollte es hingehen. Die Bruderschaft des behände entwendeten Beutels, Magmapiraten und vegetarische Trolle sind mir allerdings mitsamt der Gemeinschaft der schartigen Schaufel und den Bierschaumdeutern während des Schreibens quasi in den Weg gepoltert.

Deine Zwerge unterscheiden sich wohltuend von ihren Fantasy-Kollegen. Ich hatte den Eindruck, dass Du ein gehörig Maß an Gehirnschmalz investiert hast, Dir genau überlegt hast wie Zwerge reagieren, wie sie agieren, denken und vor allem ausdrücken, bevor Du Dich an die Tastatur gesetzt hast - stimmt das, wie lange hast Du an Deiner Welt gefeilt?

Wenn ich etwas mache, versuche ich es richtig zu machen. Zumindest meinen Möglichkeiten entsprechend. Das Ganze musste passen und ich wollte das Eherne Volk ernstnehmen. Das waren die einzigen Parameter. Und damit war der halbe Fels schon gehämmert.

Deine Zwerge leben munter und ein wenig traurig ohne die Zwerginnen. Ohne hier zu viel verraten zu wollen, die Zwerginnen wurden getötet, Nachwuchs kommt nur noch aus den bereits gelegten Eiern – ja, Zwerge á lá von Aster sind Einbrüter - wie kamst Du auf diese Idee, die holde Weiblichkeit zwergischer Art außen vor zu lassen und warum?

Dafür gibt es zwei Gründe, die beide miteinander verknüpft sind: zum einen werden Zwergenfrauen in der klassischen Fnatasyliteratur beschämend selten erwähnt. Und das ist noch ein Euphemismus. Zum anderen hat ein Kollege diesem Umstand bereits auf vorbildliche Weise Rechnung getragen. Und zwar Herr Pratchett. Ich konnte mich also auf eine weitere vergnügliche Wahrheit oder auf das Mysterium konzentrieren.

Deine Romane - und soweit ich das recherchieren konnte hast Du zwar jede Menge Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht, die Zwerge sind aber Deine ersten Romanpublikationen - zeichnen sich durch einen manchmal plakativen, dann aber auch immer wieder sehr hintergründigen Humor aus. Ist es Dir wichtig, dem Leser einen Spiegel vorzuhalten, ihn nicht nur - und das ist schwierig genug - zu unterhalten, sondern auch ein wenig zum Denken anzuregen?

Da zeigt sich wieder einmal, wie schwer ich zu recherchieren bin. (Ich hatte mit „Im Schatten der Götter“ und „Armageddon TV“ bereits vor den Zwergen klammheimlich zwei Romane veröffentlicht.) Ich versuche in der Regel etwas zu schreiben, das der Leser auf verschiedene Weise lesen kann. Ich versuche, Dinge zwischen den Zeilen zu verstecken und meinem eigenen Humor gerecht zu werden, den ich persönlich als vielschichtig bezeichnen würde, während andere ihn schlicht schrecklich nennen.

Ein Zitat: „Ein Volk muss gerettet werden wollen, damit man es retten kann. Solange die Zwerge ihre vier Bart Kette höher schätzen als ihren Nächsten, ist das Volk nicht bereit. ... Man kann die Freiheit nicht geschenkt bekommen. Man musste sie selbst aus dem Stein schlagen, dafür schwitzen und bangen.“ (Seite 411). Ist es für Dich wichtig, auch in einem Unterhaltungsroman Stellung zu beziehen?

Ich halte es für sehr wichtig, in dem was man tut, einen Standpunkt zu beziehen. Damit demonstriert man zumindest, dass man einen hat. Was übrigens meines Erachtens beim Schreiben heutzutage mitunter sogar hinderlich ist. Du ahnst nicht, wie sehr ein eigener Standpunkt beispielsweise die unverfänglichen Geschehnisse in so einem
Vampirswingerclub komplizieren könnte. Davon ab ist freilich mein Bedürfnis, zwischen ernster und unterhaltsamer Literatur zu unterscheiden. recht beschämend kläglich
ausgeprägt.

Zusammen mit Boris Koch und Markolf Hoffmann hast Du das Stirnhirnhinterzimmer gegründet. In regelmäßigen Abständen kann der Geneigte sich eure kurz-prägnant und auf jeden Fall pointierten literarischen Ergüsse in Berlin anhören und ansehen. Wie ist die Reaktion auf den Wettstreit und den direkten Austausch mit den Kollegen?

Vergiss den Wettstreit. Wir sind nicht Germany’s next Phantastikliteraten. Wir sind Berlins phantastischste Lesebühne. Wir konkurrieren nicht. Und das macht es angenehm. Sonst würden unsere regelmäßigen literarischen Gäste wahrscheinlich auch leiden. Unsere Stärke ist, dass wir drei in Inhalt, Stil und Darbietung vollkommen verschieden sind. Und das ist es auch, was unsere Gäste schätzen. Was den Austausch angeht, ist er in meinen Augen höchst inspirativ. Ich arbeite gerade an einem verwegenen Projekt, das mehr als drei Jahre dauern, mehr als ein Dutzend Künstler beinhalten und vielleicht niemandem Geld bringen wird. Aber alle dürfen sich austoben… Und der Zuspruch ist immens.

Wie wird es, wenn überhaupt, weitergehen mit dem „Großverlags-Autor“ von Aster – es gibt ja noch eine ganze Handvoll der typischen Fantasy-Völker? Oder vielleicht eine etwas andere Urban-Romance-Fantasy-Geschichte á lá von Aster – ist hier etwas angedacht?

Da bin ich auch redlich gespannt. Im Moment wuchern jedenfalls drei Buchprojekte in mir. Bedauerlicherweise allesamt ohne weitere Fantasyvölker, sexuell frustrierte Hausfrauen mit übersteigerter Phantasie oder Drachenreiter. Neben einem poetisch vergnüglich absurden Exkurs über das Schreiben sind das zum einen ein sprachlich anspruchsvoller und weitgehend neuartiger Phantastikansatz zwischen Horror und Fantasy mit mythologischen und geschichtlichen Bezügen sowie eines dieser Bücher über die man besser nicht redet… Der „großverlagsautorische“ Teil meiner Person sitzt derweil kopfschüttelnd in der Ecke und versucht noch einmal, mir das Swingerclub-Sujet schmackhaft zu machen.

Vielen Dank, dass Du uns Rede und Antwort gestanden bist. Wir wünschen Dir für die Zukunft alles Gute.


Carsten Kuhrs Rezension zu „Nimmerzwerg - Die große Erzferkelprophezeiung 3“ ist hier zu finden.





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