Im Gespräch mit: Oliver Plaschka
Datum: Tuesday, 09.February. @ 20:20:27 CET
Thema: Interview


Oliver Plaschka, Jahrgang 1975, lebt und arbeitet in Speyer. In diesen Tagen ist bei der Hobbit Presse sein neuer Roman erschienen: „Die Magier von Montparnasse“. Unser Mitarbeiter Carsten Kuhr hat mit dem Autor gesprochen.



Hallo Oliver. Könntest Du uns zu Beginn ein wenig von Dir erzählen? Wie kamst Du zum Schreiben?

Hallo Carsten. Ich weiß, das ist ein Klischee, aber ich schreibe seit meiner Kindheit. Romanlänge erreichten meine Geschichten erstmals, als ich mit vierzehn meinen Atari ST bekam. Und so ging es dann weiter ... Zwischendrin habe ich in Heidelberg Anglistik und Ethnologie studiert und in verschiedenen Jobs gearbeitet. Mittlerweile arbeite ich vor allem als Übersetzer.

Was machst Du, wenn Du nicht vor der Tatstur sitzt? Bleibt Dir Zeit für Hobbys?

Ich verfolge noch einige andere Projekte, zum Beispiel an der Universität, wo ich bald auch mein erstes Seminar halte. Zeit für regelrechte „Hobbys“, also Dinge, die ich nur zum Spaß betreibe, bleibt leider aber immer weniger. Dabei habe ich früher zum Beispiel recht viel Musik gemacht.

Das bringt mich zu der Frage, welche Autoren Du bewunderst, wer Dich inspiriert hat? Ich hörte etwas von Cabell munkeln?

An James Branch Cabell war Peter S. Beagle Schuld. Und vielleicht war Cabell der letzte Autor, den ich entdeckt habe, der mich wirklich berührt hat. Beagle war auf jeden Fall der erste. Dazwischen könnte man noch Lord Dunsany und Mervyn Peake nennen, und, um das Ganze etwas aufzubrechen, auch Max Frisch.

Welche Bücher harren gerade darauf, dass Du Dir für sie Zeit nimmst?

Das ist schön ausgedrückt. Die Antwort lautet T.H. White, „The Once and Future King“ (ich habe bisher nur den ersten Band gelesen), sowie Matt Ruff, „Sewer, Gas & Electric“.

An was arbeitest Du gerade?

An einem Multiautorenprojekt, das ich gemeinsam mit zwei Freunden von der Universität geschrieben habe. Es stammt noch aus der Zeit vor „Die Magier von Montparnasse“ und wurde ein paar Mal nach hinten verschoben. Der Arbeitstitel lautet „Der Kristallpalast“, erscheinen wird es voraussichtlich zum Sommer bei Feder & Schwert. Als Nächstes würde ich dann sehr gerne einen neuen Roman für Klett-Cotta schreiben.

Ein Zitat: „Es gibt nur ganz wenige Autoren, die Geschichten schreiben, in denen etwas Phantastisches passiert, und die Leute laufen nicht schreiend weg, sondern finden es interessant“ (aus einem Interview mit Martin Schneider). Mangelt es der modernen Phantastik nicht an eben jenem Interesse am Phantastischen, sind der plakative Horror, die Angst und das Grauen zu dominant?

Oh ja, das Heidelberger Interview ... Das sollte man vielleicht noch einmal klarer formulieren. Es ging mir dabei um Geschichten in der wirklichen Welt (also keine High Fantasy), die magische oder übernatürliche Begebenheiten auf realistische Weise schildern, aber nicht nur am Effekt der Angst interessiert sind, der in der einschlägigen literarischen Theorie meist eingefordert wird. Ich habe nichts gegen traditionelle Phantastik und guten Horror - ich habe von
Lovecraft bis King eine Menge davon verschlungen - aber eine noch größere Schwäche habe ich für Geschichten, in denen sich die Charaktere nicht vor einem Aufbrechen ihrer Wirklichkeit fürchten, sondern genau diesen vorantreiben. Und vielleicht gibt es von dieser Art von Geschichten tatsächlich nicht sehr viele.

Wie ordnen sich „Die Magier von Montparnasse“ hier unter?

Ich glaube, dieses Thema war in „Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew“ wichtiger für mich. Zwar ist auch in „Die Magier von Montparnasse“ die Wirklichkeit der Charaktere beständigen Angriffen ausgesetzt, aber für einige von ihnen ist es völlig normal, während andere es gar nicht bemerken, und diejenigen, die sich damit konfrontiert sehen, haben eigentlich andere Sorgen. In den Gesprächen zwischen Justine und Ravi klingt das Thema immer wieder an; wichtiger ist meines Erachtens aber die Liebesgeschichte, in der sich Justine wiederfindet. „Die Magier von Montparnasse“ sind in dieser Hinsicht vielleicht etwas leichtherziger, als „Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew“ es war. Es geht mehr um Selbstfindung als um Selbstauflösung.

Ähnlich wie in „Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew“ muss der Leser auch in „Die Magier von Montparnasse“ vieles aus Hinweisen zusammensetzen. Ist Dir das beim Schreiben bewusst, dass Du anders als viele Deiner Kollegen Deine Leser forderst? Willst Du das, dem Leser Puzzleteilchen präsentieren, aus denen er dann seine eigenen Schlüsse zu ziehen vermag?

Ich tue das nicht mit Vorsatz oder aus reiner Verspieltheit. Aber da ich beim Arbeiten und Überarbeiten jeden einzelnen Satz immer und immer wieder lese und umschreibe, erwarte ich vom Resultat auch, dass es eine gewisse Dichte und Vielschichtigkeit besitzt. Ich freue mich, wenn man Bücher Satz für Satz lesen kann, und auch beim zweiten Mal Lesen noch etwas Neues entdeckt. Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, wie ich ein Buch schreiben sollte, dass zum Querlesen geeignet ist.

Drei Bücher hast Du bislang veröffentlicht. Neben „Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew“ hast Du auch am „Narnia“- Rollenspiel mitgewirkt. Drei ganz unterschiedliche Bücher - wie war das beim Schreiben? Ist dies nicht auch ein ganz anderes Arbeiten am Buch? „Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew“ hast Du, soweit ich das recherchieren konnte, während Deines Auslandssemesters geschrieben, „Narnia – Das Rollenspiel“ war trotz aller Rollenspiel-Erfahrung Deinerseits eine Auftragsarbeit. Wie hast Du hier die Arbeiten erlebt?

Ja, es war ein ganz verschiedenes Arbeiten. „Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew“ entstand in aller Ruhe und ohne ein Publikum im Kopf. „Narnia – Das Rollenspiel“ war in dieser Hinsicht das komplette Gegenteil, obwohl Ulrich und ich auch hier große kreative Freiheit genossen. Am wichtigsten finde ich aber, dass zwischen Verlag und Autor ein Vertrauensverhältnis existiert, wie es auch bei „Die Magier von Montparnasse“ der Fall war. Deadlines sind gar nicht so schlimm, wenn man auf der anderen Seite weiß, dass man nicht nur für die Schublade arbeitet. Und wenn ein Projekt erst mal unter Dach und Fach ist, arbeite ich immer so gut, wie ich kann - egal, um was es sich handelt.

So unterschiedlich wie die Bücher sind auch die Verlage in denen Deine Bücher erschienen. Du bist ja bei einem der großen Agenten unter Vertrag - geht es gerade für einen jungen Autor nicht mehr ohne, und wie war der Weg von Feder & Schwert hin zum doch ein wenig einen elitären Ruf besitzenden Klett-Cotta Verlag mit seiner Hobbit Presse?

Ich würde jetzt keine generelle Regel daraus ableiten; Gegenbeispiele beweisen, dass es auch ohne Agenten geht. Die Frage ist eher, ob gerade ich es ohne meine Agentur geschafft hätte, und da lautet die Antwort klar „nein“, denn ich bin schlecht darin, mich selbst zu bewerben. Es macht mir vor allem auch keinen Spaß. Alle meine Bücher wurden bislang von Schmidt & Abrahams vermittelt. Von daher wissen meine Agentinnen wahrscheinlich besser, wie der Weg genau war. Ich weiß nur, dass ich alleine schon lange das Handtuch geworfen hätte.

lch nehme einmal an, ohne dass ich Feder &Schwert hier düpieren möchte, dass bei Dir nach der Zusage von Klett-Cotta die Sektkorken geknallt haben?

In der Tat, daran erinnere ich mich noch. Und danach hatten wir Burger mit Rootbeer ...

Gab es hier Unterschiede, wie Du und Dein Manuskript betreut wurden - ich kann mir vorstellen, dass Klett-Cotta hier doch ungleich intensiver mit Dir und dem Manuskript gearbeitet hat?

Das Lektorat war in der Tat sehr intensiv, und hat „Die Magier von Montparnasse“ auch gut getan. Doch auch das Team von Feder & Schwert hat sich damals tief in „Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew“ eingearbeitet. Wieviel Aufwand ein Verlag betreibt, oder wie hoch seine Selbstansprüche liegen, hat meines Erachtens nichts mit seiner Größe zu tun; gerade die Reihe „origin“ (Feder & Schwert) ist ein gutes Beispiel hierfür. Natürlich durchweht die Hallen der Hobbit-Presse aber, sagen wir mal, ein besonderer Duft. Da ruhen Bücher von Tolkien in den Vitrinen, und an den Wänden reihen sich die Klassiker. Da fühlt man sich als Neuling erst einmal wie Alice im Wunderland. Ein großer Verlag hat auch ganz andere Möglichkeiten, ein Buch zu bewerben. Den meisten kleineren Verlagen bleibt der Weg in die Buchhandlungen, besonders in die großen Ketten, versperrt. Das hat aber nicht zwangsläufig etwas mit Qualität zu tun, auch wenn es auf die Kunden vielleicht so wirkt. Die Marktmacht dieser Ketten halte ich schon deshalb für problematisch.

Inwieweit konntest Du auf die äußere Gestaltung, die mir sehr gelungen erscheint, Einfluss nehmen? Warst Du hier involviert?

Die Gestaltung war vor allem dem Einsatz meines Lektors zu verdanken, der sich überhaupt immer sehr stark für das Buch gemacht hat. Wir sind alle sehr glücklich darüber. Ich meine, welcher Fantasyfreund mag keinen Jugendstil?

Du hast Deine Handlung im Paris der 20er Jahre angesiedelt. Wie und wo recherchiert man da? Das Gebotene liest sich so, als seiest Du selbst an Ort und Stelle gewesen?

War ich zu guter Letzt auch. Alle beschriebenen Orte existieren, und im ehemaligen Hôtel de la Haute Loire ist noch heute ein Hotel untergebracht. Ich habe im zweiten Stock geschlafen, ziemlich genau über Justines Zimmer. Ich bin die im Roman beschriebenen Fußwege abgelaufen, und habe überall, wo man es sich leisten konnte, einen Kaffee getrunken. Nur das Observatorium war leider für die Öffentlichkeit gesperrt; zum Glück gab es aber eine Menge Innenaufnahmen im Internet. Dasselbe gilt für die gesperrten Bereiche der Katakomben. Ansonsten gibt es eine Menge hervorragender Zeitzeugenberichte, zum Beispiel von Ernest Hemingway und seinem Barkeeper Jimmie Charters, oder den wunderbaren Bildband „Kiki's Paris“ von Billy Klüver und Julie Martin.

Du erzählst eine Geschichte, die entfernt vom Ansatz her an den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ erinnert. War der Film eine Inspiration?

Auf jeden Fall. Ich liebe diesen Film, und habe auch eine zeitlang mit mir gerungen, ob ich die Idee wirklich benutzen will. Ein weiterer Blick ins Internet brachte aber die beruhigende Gewissheit, dass ich nicht der erste war, und selbst die Macher von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ nicht. Dennoch habe ich mir große Mühe gegeben, andere Schwerpunkte zu setzen. Das Leitthema des Romans - die kontinuierliche Begegnung von Justine und Gaspard -- ähnelt eher einer Paralleluniversen-Geschichte, da sie sich beide nicht der Zeitschleife bewusst sind, die sie gefangenhält, und sich allenfalls vage vertraut vorkommen. Die Magier wiederum sind sich der Situation mehr als bewusst und können sich auch völlig frei innerhalb der Schleife bewegen. Es wacht also niemand jeden Morgen um 6:00 Uhr auf und denkt, „Oh nein, nicht schon wieder!“ Eher schon, „Mal sehen, was heute geschieht!“

Sooft sich auch Dein Tag im Buch wiederholt, keiner ist wie der andere. Immer wieder gilt es neue Erfahrungen zu machen, Erkenntnisse zu sammeln, Spuren aufzunehmen und Taten zu vollbringen. Dabei wird immer deutlicher, dass hinter der vordergründigen Handlung weit mehr steckt. Das Geheimnis um die Gesellschaft und um das Geheimnis, was eigentlich während und nach der Zaubervorstellung wirklich passierte, bleibt zwar unausgesprochen, beschäftigt aber Figuren wie den Leser. Ist das intelligente Spiel, den Leser mit einzubeziehen, ihm nicht alles vorzukauen, für Dich als Autor befriedigender als alles immer gleich zu offenbaren?

Ich glaube ja, schon aufgrund meiner oben beschriebenen Arbeitsweise: Ich würde sehr schnell die Lust an einer glasklar präsentierten Geschichte verlieren. Das Problem stellt sich aber auch nicht, weil meine Geschichten selten mit einer klaren „Plotidee“ beginnen, sondern meistens mit Gefühlen, Bildern und Stimmungen, die sich hier alle in einem der geschilderten Tage niederschlugen. Dafür war die Arbeit, diese Bilder zu einer stringenten Geschichte zu vereinen, umso größer; auch für die Charaktere. Tatsächlich findet keiner von ihnen alles heraus, was der Leser am Ende herausfinden kann - nicht einmal Ravi, der sich ja das ganze Buch hindurch als Meister der Illusion gibt.

Im Verlauf der Handlung drehen sich Figuren, offenbaren sie ihre Mysterien und ändert sich auch die gegenseitige Bild, das sie von sich haben. Inwieweit hast Du hier noch vor Beginn der Niederschrift alles minutiös geplant oder überraschen Dich Deine Figuren auch so manches Mal selbst?

Sowohl als auch. Es kommt immer wieder vor, dass Figuren sich verselbstständigen, und auf einmal etwas tun oder sagen, womit man nicht gerechnet hat. Als Autor muss man sich dann überlegen, was schief lief, und wie man darauf reagiert. Das ist so ähnlich wie als Spielleiter einer Rollenspielrunde: Manchmal haben die Charaktere einfach ihren eigenen Willen. Mit Fortschreiten der Geschichte musste ich dann immer mehr ausarbeiten, denn schließlich sollte ja jede der Figuren ihren Höhepunkt haben: Barneby muss sein Verhältnis zur Gesellschaft klären, Justine ihres zu sich selbst, Alphonse zu seiner Frau, Gaspard zu Hemingway ...

Musst Du dann gar einiges umschreiben?

Ein paar Passagen wurden umgestellt, einige wenige auch verworfen. In einer frühen Version des Buches hatte auch Céleste ihre eigenen Kapitel, aber ich fand dann, dass sie in der Draufsicht der anderen stärker und (natürlich) auch rätselhafter wirkt, als wenn ich ihre Gedanken und Gefühle dem Leser und mir offenbare.

Wieviel von Dir selbst steckt in Deinen Personen?

Ich muss meine Figuren mögen. Das heißt nicht, dass sie sein müssen wie ich, oder Idealen von mir entsprechen müssen. Sie können intrigieren und Fehler begehen und für ihre Fehler bezahlen. Ich könnte mich aber nicht mit einer Figur identifizieren, die abstoßend auf mich wirkt, und ich habe auch kein Interesse daran, über Figuren zu schreiben, die abstoßend auf mich wirken.

Benutzt Du reale Personen als Vorbilder für Deine Figuren?

Nur selten, und nie Menschen, die mir nahe stehen, denn das wäre mir unangenehm, und ihnen wahrscheinlich auch. Außerdem will man ja keinen Schlüsselroman schreiben ... Manchmal trifft man aber jemanden, der einen Sachverhalt brillant auf den Punkt bringt, oder eine faszinierenden Marotte hat, und dann benutzt man das vielleicht, weil man das Bild ohnehin nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Vielen Dank, dass Du Dir für uns Zeit genommen hast. Wir wünschen Dir für die Zukunft alles Gute!

Ich danke vielmals für das Interview!





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