Im Gespräch mit: Jan Gardemann
Datum: Monday, 01.June. @ 20:31:59 CEST
Thema: Interview


Der im Dezember 1961 geborene Jan Gardemann ist dem Leser insbesondere durch seine Arbeit an Heftserien wie „Mitternachts-Roman“, „Jessica Bannister“, „Das magische Amulett“ und „Jerry Cotton“ ein Begriff. Neben der Roman-Adaption von „Bauer sucht Frau“ für RTL sowie seiner Mitarbeit für Zaubermond („Dorian Hunter“) unter dem Pseudonym Geoffrey Marks stieß er unlängst zum Autorenteam der legendären SF-Serie „Ren Dhark“, während in der Zeitschrift „c’t“ Science-Fiction-Kurzgeschichten von ihm erscheinen. Gerade erschien sein erster Science-Fiction-Roman („Der Remburg-Report“) im Atlantis Verlag - Grund genug für unseren Mitarbeiter Carsten Kuhr, das Gespräch mit dem Autor zu suchen.


Hallo Jan. Seit unserem ersten Gespräch sind einige Jahre ins Land gegangen. Damals ging es vornehmlich um Deine Arbeit als Heftautor an den Reihen „Gaslicht“ und die gerade ausgekoppelte Serie „Das magische Amulett“. Letztere, allein von Dir erdacht und geschrieben, ist immer noch präsent - ein Erfolg, bedenkt man die wirtschaftlich schwierige Lage der Heftverlage. Wie erklärst Du Dir die Faszination, die vom „magischen Amulett“ immer noch ausgeht?

Inzwischen erscheinen keine neuen Romane um die Amulettforscherin Brenda Logan mehr. Das letzte Abenteuer wurde Anfang 2008 veröffentlicht. Jetzt ruht die Serie erst einmal, die es auf etwa 150 Titel gebracht hat. Was weiterhin mit dem Material geschehen wird, wird die Zukunft zeigen.

Inzwischen gibt es erste Übersetzungen von einzelnen Romanen um Brenda Logan, und auch ein erstes Hörbuch wurde produziert. Wie kam es dazu, inwieweit warst Du bei dem Hörbuch involviert?

Die Initiative, eine Hörspieladaption des „magischen Amuletts“ zu produzieren, ging von Sven Michael Schreivogel, dem Inhaber des Hörverlages Nocturna Audio, aus. Sven hat insgesamt zwei Folgen produziert, die inzwischen auch eine Neuauflage erlebt haben. Momentan ist er mit Projekten wie „Gordon Black“ beschäftigt und wird das „magische Amulett“ wohl nur dann fortführen, wenn die Verkaufszahlen ihn das angeraten erscheinen lassen. In den kreativen Prozess der Hörspielumsetzung habe ich mich nicht eingeschaltet, weil ich erstens mit Svens Arbeit zufrieden war (er hat mich stets auf dem Laufenden gehalten) und zweitens, weil es Spaß gemacht hat, zu beobachten, was andere Leute aus meiner Romanvorlage machen. Das war sehr spannend und zum Teil auch verblüffend.

Wie kam es zu den Übersetzungen in Russische und Bulgarische? Wird hier die gesamte Reihe aufgelegt, oder suchen sich die ausländischen Partner nur einzelne Romane aus?

Die Veröffentlichungstaktik der von dir angesprochenen Verlage ist mir ziemlich unverständlich. Die Leute in diesen Ländern arbeiten unter ganz anderen Gesichtspunkten, als es offenbar in Deutschland der Fall ist. Daher kann man wohl eigentlich eher von einer sporadischen Veröffentlichung meiner Romane sprechen. Die Lizenzvergabe läuft ausschließlich über den Kelter Verlag; wie dort die Kontakte zu den ausländischen Verlagen hergestellt werden, entzieht sich meiner Kenntnis.

Seit kurzem verstärkst Du das „Ren Dhark“-Autorenteam. Wie kam hier der Kontakt zustande, inwieweit kannst Du Dich hier auch ideenmäßig einbringen?

Der Kontakt wurde über Peter Thannisch hergestellt, einem Redakteur, mit dem ich seit vielen Jahren hin und wieder zusammenarbeite. Alfred Bekker hatte das „Ren Dhark“-Team verlassen, und nun suchte Hajo F. Breuer einen Nachfolger. Peter Thannisch war so nett, mich vorzuschlagen. Hajo rief mich daraufhin an und fragte, ob ich Interesse an einer Mitarbeit an den neuen „Ren Dhark“-Romanen hätte. So kam die Sache ins Rollen - mit dem bekannten Resultat. Alle zwei Jahre findet eine pompöse Autorenkonferenz statt, in dessen Verlauf wir Autoren zusammen mit Hajo die groben Handlungsstränge entwickeln. Die genauere Ausarbeitung der Exposés ist dann wiederum Hajos Angelegenheit.

Mit fiel auf, dass gerade in den letzten Bänden oftmals sehr überzeichnet die Missstände des Sozialstaates angeprangert wurden, dabei Militärdiktaturen als funktionierendes und prosperierendes Gemeinwesen gelobt wurden. Wie stehst Du dazu?

Der Unitall Verlag hat es sich anscheinend auf die Fahne geschrieben, mit den Tabus zu brechen, die in der Heftromanproduktion sonst üblich sind. Dass diese thematischen Heftroman-Tabus, auf die die Literaturschaffenden oft naserümpfend hinweisen, eine Funktion haben, die die „Groschenliteratur“ am Leben erhält, steht für mich außer Frage.
Die meisten Heftromankonsumenten wollen in eine heile Welt abtauchen, und in dieser Welt haben Themen wie etwa Gewalt gegen Kinder und Vergewaltigung genau so wenig etwas verloren, wie politische Fragen. Das Science-Fiction-Genre lebt hingegen davon, auch politische und gesellschaftliche Zustände der Jetztzeit in die Zukunft weiterzudenken. In der internationalen SF-Literatur werden derartige Themen auf die unterschiedlichste Weise behandelt - wie weit dies in der Vergangenheit auf die einschlägigen deutschen SF-Heftserien zutrifft, kann ich nicht sagen, da ich weder „Ren Dhark“ noch „Perry Rhodan“ regelmäßig gelesen habe. Ich bezweifle allerdings, dass die Verlage das Risiko eingegangen wären, brisante, politische Themen zu extrapolieren und von ihren Autoren beschreiben zu lassen, weil damit leicht Schiffbruch erlitten werden kann. An der Formulierung deiner Frage und den Kritiken des betreffenden „Ren Dhark“-Bandes kann man zum Beispiel ablesen, dass wir „Ren Dhark“-Autoren in den Ruf geraten, heimliche Diktaturanhänger zu sein, weil wir die Diktatur eines fremden Sternenvolkes aus der Sicht eines in das System integrierten Geschöpfes beschrieben haben und ein demokratisches System schilderten, in dem die Probleme, die es in einem Sozialstaat geben kann, auf die Spitze getrieben wurden.
Wie weit dieses Experiment für die „Ren Dhark“-Leser funktioniert, wird sich noch zeigen. Zumindest ein Leser hat den hier angesprochenen Band sehr gelobt und meiner Meinung auch genau erkannt, was wir Autoren ausdrücken wollten.
Ich kann für mich sagen, dass diese abwegigen Gedankenspiele unheimlich viel Spaß machen, ich bin mir aber auch bewusst, dass diese Experimente im Kontext anderer umstrittener Publikationen des Unitall Verlags betrachtet werden. Ich weiß, es hat wenig Sinn darauf hinzuweisen, dass die persönlichen Ansichten eines Autors nicht mit den Ansichten verwechselt werden dürfen, die er seinen Protagonisten in den Mund legt (bei denen es sich, wie es der Natur der Spannungsliteratur entspricht, die auf dem Prinzip Gut-Böse beruht, ja zum Teil um ziemlich gemeine Schurken handelt). Genauso, wie einem Schauspieler, der erfolgreich eine Schurkenrolle verkörpert, ein gewisses düsteres Flair anhaftet, so bleibt auch am Autor anscheinend immer etwas von dem hängen, was seine Protagonisten anstellen. Diktaturen sind mir genau so zuwider, wie Vergewaltiger und bewaffnete Amokläufer, um das an dieser Stelle mal klarzustellen!

Inwieweit haben die Autoren hier Freiheiten; die Handlung selbst zu gestalten - sprich, wie detailliert ist das Exposé, nach dem geschrieben wird?

Die Handlung ist natürlich festgeschrieben - andernfalls würde eine kontinuierliche Fortschreibung eines so kompakten Universums, wie es die „Ren Dhark“-Welt ist, gar nicht möglich sein. Ein geübter Autor (und das sind wir „Ren Dhark“-Schreiber alle), hat jedoch ein gutes Gespür dafür entwickelt, wo man mit seiner eigenen Phantasie einsetzen kann, ohne den Handlungsstrang dabei zu verknoten oder zu zerreißen. Hajos Exposés sind, was die serienspezifische Technik und die Handlung anbelangt, sehr exakt; gerade deshalb lassen sie für den mutigen Autor aber auch Spielraum zum Fabulieren.

Bei der Fortschreibung des Dämonenkillers Dorian Hunter bis Du unter dem Namen Geoffrey Marks mit von der Partie. Wie sieht es hier mit Vorgaben aus, inwieweit bist Du dort Dein eigener Herr, was den Inhalt anbelangt?

Die Exposés für meine ersten Romane dort habe ich selber angefertigt - mit Dennis Erhardts fachlicher Unterstützung. Die folgenden Romane haben ich dann nach einem ziemlich extraordinären Handlungsgerüst, das von Uwe Voehl, Dennis Erhardt und Ernst Vlcek auf einem Din-A-2-Bogen aufgemalt worden war, geschrieben. Nach Ernsts bedauerlichem Ableben wird die Exposé-Arbeit nun hauptsächlich von Dennis und Uwe bestritten. Es gab im Mai auch ein Autorentreffen mit dem Ziel, neue Ideen zusammeln - aus Zeitmangel konnte ich jedoch nicht daran teilnehmen.

Letztes Jahr im Frühjahr erschien bei Ueberreuter Dein erstes Jugendbuch. War das ein anderes Schreiben, als wenn Du an einem Serienroman sitzt? Die Zielgruppe ist ja doch eine ganz andere. Musstest Du hier sprachlich etwas beachten?

Klar musste ich das! Beim Schreiben muss man die Zielgruppe unbedingt vor Augen haben und den Schreibstil und den Handlungsaufbau entsprechend anpassen.

Hat der Roman bei einem der renommierten Buchverlage für Dich einen anderen Stellenwert, als die Hefttitel?

Eigentlich nur in Hinblick auf die bessere Bezahlung bei den Buchverlagen. Die thematischen Beschränkungen und Tabus sind ähnlich - es sei denn, man schreibt waschechte Literatur. Auf dem Unterhaltungssektor sind die Unterschiede zwischen Heft und Buch oft verschwindend gering oder gar nicht vorhanden. Das trifft auf den Stil leider auch oft zu.

Nach den Ausflügen in die Weiten des Weltalls und die Niederungen der Dämonen hast Du auch einen Roman zur Hansi Hinterseers Spielfilmreihe beigesteuert - hängt an einer solchen Auftragsarbeit das Herz, oder schreibt man das in erster Linie für den Geldbeutel?

Eine Herzensangelegenheit war diese Arbeit sicherlich nicht. Aber der Spaßfaktor war doch ziemlich groß. Ich habe den Roman nach der Drehbuchvorlage von Eduard Ehrlich geschrieben und zusätzlich auf meinem PC den Spielfilm laufen gehabt. Ich konnte also minuziös nachvollziehen, wie die Drehbuchanweisungen umgesetzt wurden. Die Gratwanderung zwischen Einhaltung der Richtlinie und Einbringung eigener Ideen machte das ganze Unterfangen ziemlich spannend. Das war eine sehr interessante Art zu schreiben.

Kommen wir zum „Remburg-Report“. Du beschreibst darin die Vorkommnisse in einer deutschen Kleinstadt, in der ein Energiefeld jegliche drahtlose Übertragungen stört und in der allerhand Seltsames vorgeht. Wie kamst Du auf die Idee zum „Report“?

Oh Mann - das ist eine Frage! Ich habe Jahre an dem Roman geschrieben - und zwar immer dann, wenn mir die Heftromanproduktion mal etwas Zeit ließ (was nicht eben häufig vorkam). „Der Remburg-Report“ ist also nicht in einem Guss entstanden. Das trifft auf die Ausgestaltung der einzelnen Szenen genau so zu, wie auf den Verlauf der Handlung.
Grundidee war, etwas zu schreiben, was mit den Heftromanen nichts zu tun hat. Ich wollte ein Arbeitsfeld schaffen, in dem ich mich ohne Beschränkungen austoben konnte. Und das habe ich dann auch mit großer Hingabe getan.

Mir fiel auf, dass trotz des Dämmfeldes dreidimensionale Werbung an den Bussen sichtbar ist - wie geht dies?

Das Dämmfeld beeinträchtigt die drahtlose Übertragung von Informationen, nicht aber Lichtphänomene. Der gedämmte Frequenzbereich der elektromagnetischen Wellen ist eingegrenzt, warum, wird in dem Roman auch begründet.

Inhaltlich wird dem Leser ja ungewohnte Kost geboten. Es gibt übersinnliche Begabte und Aliens, das organisierte Verbrechen, Korruption und Bürokratie - als was würdest Du diesen Genre-Mix aus SF, Krimi und Thriller selbst bezeichnen? Oder wolltest Du ganz bewusst Schubladen vermeiden?

Ich wollte mich durch keine Genregrenzen beeinträchtigen lassen, sondern einfach schreiben, was mir gefällt. Im Nachhinein würde ich den „Remburg-Report“ in das Genre „visionäre Gegenwarts-Science-Fiction“ einordnen, das der jüngst verstorbenen J.G. Ballard erfunden und geprägt hat (an den ich jedoch leider in keiner Weise heranreiche).

Nun gehst Du einen eigenen, wie ich finde recht interessanten, Weg. Dein Protagonist schlüpft in die Haut fremder Menschen und erlebt so im wahrsten Sinne des Wortes hautnah die Geschehnisse der Anderen mit. Das liest sich fast ein wenig wie ein Episodenroman, Du eröffnest Dir damit die Möglichkeit, sehr direkt, gleichzeitig aber aus einem persönlichen Blickwinkel, die Geschehnisse zu schildern. Wie kamst Du auf die Idee, inwieweit hat die Idee den Plot beeinflusst oder/und umgekehrt?

Mit diesem Trick konnte ich es mir ermöglichen beim Schreiben so dicht wie nur möglich an den Protagonisten dran zu sein. Diese Perspektivtechnik verwende ich am liebsten. Auch meine Heftromane sind meistens in der subjektiven Erzählperspektive geschrieben; diese Perspektive stellt in unserem fortgeschrittenen Zeitalter der Individualisierung, die mittlerweile zum Voyeurismus übergegangen ist, meiner Meinung nach eine zeitgenössisch adäquate Erzählhaltung dar und erscheint mir persönlich auch am interessantesten.

Gleichzeitig bedeutet dies für den Leser aber auch, sich immer wieder auf neue Personen, neue Geschehnisse einzustellen. Hast Du dies beim Schreiben ins Kalkül gezogen?

Ja - denn diese Technik erzeugt eine ganz eigene Spannung. Sie entspricht auch meiner Vorliebe für Kurzgeschichten. Der Leser wird in immer neue Geschichten hineingeworfen, die jede ein Kosmos für sich darstellt, aber ebenso auch ein Teil des ganzen Romans bildet.

Du hast den Roman im Atlantis Verlag veröffentlicht - warum nicht bei einem der sogenannten Publikumsverlage?

Ein leidiges Thema. Ich sage es mal so: Guido Latz war der einzige, der das Potential des Romans sofort erkannt und nicht gezögert hat, mir umgehend ein Vertragsangebot zu unterbreiten. Somit ist er den anderen in Frage kommenden Verlagen zuvorgekommen, deren Mitarbeiter nun Gelegenheit bekommen werden, ihre zögerliche Haltung bitter zu bereuen. Im Erst: Ich finde, der „Remburg-Report“ ist beim Atlantis-Verlag sehr gut aufgehoben, denn dort wurde auch „Die fünf Seelen des Ahnen“ von Ulrike Nolte herausgegeben, eines der schönsten und fortschrittlichsten
SF-Romane, die ich je gelesen habe! Da ich mit dem Schreiben genug Geld verdiene, kann ich es auch verschmerzen, dass mich die Veröffentlichung des „Remburg-Reports“ nicht reich machen wird. Insgesamt gesehen ist der Roman wahrscheinlich so seltsam angelegt, dass kein Publikumsverlag in Erwägung ziehen würde, ihn in sein Programm aufzunehmen.

Wird es, der Zeitgeist gibt es ja vor, ein Wiedersehen mit unseren Helden, sprich eine Fortsetzung geben? Ist das für Dich bei entsprechendem Zuspruch der Leser denkbar?

Denkbar schon - gewollt aber nicht. Der Roman ist für mich abgeschlossen. Wer gerne Mehrteiler liest, sollte zur „Tentakel“-Trilogie von Dirk van den Boom oder den „Ren Dhark“-Romanen greifen.

Die Frage nach Deinen weiteren literarischen Projekten und Plänen darf nicht fehlen?

Momentan bin ich ziemlich ausgelastet, darum habe ich für neue Projekte kaum Zeit. Einen unverkauften Roman besitze ich noch; es ist der erste Band einer an „Buffy“ angelehnten Romanserie. Die würde ich gerne an einen großen Verlag verkaufen. Bisher ist daraus aber nichts geworden.

Vielen Dank, dass Du und Rede und Antwort gestanden bist. Wir wünschen Dir für die Zukunft alles Gute.

Danke; und euch wünsche ich weiterhin viel Spaß beim Lesen!


Jan Gardemanns Website ist hier zu finden.

Carsten Kuhr Rezension zu „Der Remburg-Report“ ist hier zu finden.





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