Im Gespräch mit: Linda Budinger
Datum: Tuesday, 26.May. @ 21:49:13 CEST
Thema: Interview


Linda Budinger wurde 1968 geboren und lebt in Leichlingen zwischen Köln und Düsseldorf. Sie arbeitet als Übersetzerin, Gutachterin und Lektorin hauptsächlich für die Lübbe Verlagsgruppe, hat aber auch bereits mehrere Fantasy-Romane veröffentlicht, zuletzt erschien bei Spreeside „Die Nebelburg“. Unser Mitarbeiter Carsten Kuhr hat sich mit ihr unterhalten.


Hallo Linda, wenn ich mir den kurzen Abriss Deines Werdegangs vor Augen halte, dann scheinst Du Deine Ausbildung sehr bewusst auf eine Karriere im Buchsektor hin ausgerichtet hast - stimmt das?

Es stimmt, ich habe mir schon relativ früh das Ziel gesetzt und unterwegs alles mitgenommen, was ich gebrauchen konnte. Und als Autor kann man so ungefähr alles gebrauchen: Kenntnisse theoretischer Art, jede Art von Lektüre, Umgang mit Menschen, Beobachtungen, Naturerlebnisse, praktische Erfahrungen von Bogenbau über das Zupfen einer gotischen Harfe bis zum sehr nützlichen 10-Finger-Schreiben, das ich bereits in der Schule gelernt habe.
Auch wenn das banal klingt, ich habe gelernt, dass man nie etwas umsonst lernt und keine Gelegenheit ausschlagen sollte, Erfahrungen zu sammeln.

Du lektorierst hauptsächlich für Bastei-Lübbe Romane. Wie sieht das in der Praxis aus, wenn Du Übersetzungen überarbeitest, musst Du da nicht das Original vorher lesen, um wirksam eingreifen zu können, oder achtest Du da mehr auf die innere Logik des Manuskripts?

Beim Lektorat von Übersetzungen liegt ohnehin das Original auf dem Schreibtisch. Selbst wenn man nicht dazu kommt, den Roman vorher komplett durchzulesen, sollte man doch immer nachschlagen, sobald einem etwas komisch oder falsch vorkommt. Wenn eine Hüttenwand zum Beispiel „mit Wasserfarben bemalt“ wurde, dann hilft der Blick ins Original, um zu verstehen, dass damit doch eher schmückende Aquarelle an der Wand gemeint sind.
Für eine Übersetzung ist vor allem wichtig, dass sie sich liest wie ein originärer deutscher Text, auch wenn das bedeutet, dass ab und zu ein Nebensatz der Satzmelodie zum Opfer fällt. Sätze teilen und Erklärungen umgruppieren ist beim Übersetzen ohnehin selbstverständlich.
Kleinere Logikfehler (beispielsweise wenn das Pferd der Hauptfigur erklärungslos zuerst eine Fuchsstute und später ein brauner Wallach ist) können dabei mitbereinigt werden, entweder direkt vom Übersetzer selbst oder vom späteren Lektor.
Im Rahmen eines deutschen Originallektorats muss sehr viel stärker auf Struktur und Inhalt geschaut werden, innere Stimmigkeit, Handlungsaufbau, Figuren ... Erst wenn die gröbsten Fragen geklärt sind, ist ein sprachliches Lektorat sinnvoll, das den Satzbau abklopft, Figurenrede berücksichtigt, Grammatik, Rechtschreibung und Ähnliches prüft. Dabei wird aber intern auch noch unterschieden zwischen eigentlichem Lektorat und Textredaktion.
Das Korrektorat, letzter Arbeitsschritt der Qualitätssicherung, übernimmt dann ein anderer Bearbeiter, der den Text noch nicht kennt - auch weil man bei intensiver Textarbeit irgendwann betriebsblind wird.

Und wie sieht das aus, wenn Du selbst die Übersetzung fertigst, besteht da ein Kontakt zu Deinem Lektor oder zum Autor?

Mit Autoren bin ich bisher nicht in Kontakt gekommen. Andere Übersetzer pflegen da aber einen regen Austausch.
Den Auftrag für eine Übersetzung erteilt der Lektor, der das Projekt im Verlag vertritt. Mit ihm hält man die ganze Zeit über Kontakt, er ist der erste Ansprechpartner bei Problemen. Ebenso tauscht man sich (während oder nach der Arbeit) mit dem eigentlichen Bearbeiter des Textes aus. Das reicht von Einzelaspekten wie der Übersetzung oder Nicht-Übersetzung von „sprechenden“ Eigennamen über die Korrektur und Überprüfung z.B. historischer Daten und so weiter. Der Bearbeiter informiert dann über die Änderungen und Entscheidungen seinerseits, damit am Ende alle auf dem gleichen Stand sind, was besonders bei Reihen wichtig ist.

Was übersetzt Du selbst am liebsten? Ich hörte etwas von einer alten Liebe zu dem Detektiv mit der Pfeife?

Ich übersetze immer wieder gerne „Holmes“-Texte (und habe auch schon das eine oder andere eigene Pastiche verfasst). Da ich mit den Doyle'schen Geschichten aufgewachsen bin, fühle ich mich in dem Kosmos relativ heimisch.
Selbstverständlich gibt es auch andere schöne Projekte. Das ideale Material für einen Berufsübersetzer ist natürlich der Text, der sich gut und angemessen schnell übertragen lässt. Man wird ja nicht nach Zeit bezahlt, sondern nach Seiten. Manchmal macht es aber Spaß, sich einen anspruchsvolleren oder schlicht einen unterhaltsamen Text vorzunehmen, der auf andere Weise für Befriedigung sorgt. Da auch das immer sehr vom Einzelfall abhängig ist, sorgt schon die Auftragslage für eine gesunde Mischkalkulation.

Auf Deiner Website kann man nachlesen, dass Du gerade in der modernen Fantasy eigenständige Frauencharaktere, aber auch Männer, die mehr als ihre Hiebwaffe im Kopf haben, vermisst. Ist diese Aussage weiterhin aktuell und siehst Du hier ganz persönlich für Dich eine Nische, in der Du Deine Werke platzieren kannst? Hat sich hier nicht in den letzten Jahren insgesamt einiges getan?

Der Text ist tatsächlich älter und beschreibt sozusagen meine Ausgangslage als Autorin, unter anderem den Antrieb, eigene Geschichten zu erzählen. Das ist schon eine ganze Weile her. Inzwischen gibt es ja durchaus eine breitere Auswahl an Figuren, auch gute Frauendarstellungen. Im Moment habe ich jedoch das Gefühl, dass die Schere zwischen den Geschlechtern wieder etwas weiter auseinanderklafft: Auf der einen Seite die kampfbetonten, düsteren Romane, auf der anderen die extrem romantischen Geschichten mit eher soften Themen.
Ich sehe die Tendenz skeptisch, Frauencharaktere in die Priesterin/Heilerin/Zauberin-Schublade zu stecken (wenn sie nicht gleich nur als Love Interest oder Geliebte herhalten müssen). Eher brave, sorgende und passive Rollen also. Dabei stehen der gelebten Gleichberechtigung in Fantasy-Welten ja keinerlei Hindernisse entgegen (und manche, wie Aventurien, haben sie sich sogar auf die Fahnen geschrieben).
Andererseits bieten solche Reibungspunkte zwischen den Geschlechtern erzählerisch auch immer gute Möglichkeiten für Konflikte, daher habe ich das Thema im „Geisterwolf“ auch angeschnitten.
Meine Geschichten bevölkern sowohl männliche wie auch weibliche Hauptfiguren in recht ausgeglichener Quote. Natürlich hoffe ich, für jede von ihnen die richtige Nische zu finden. Geschmäcker sind ja glücklicherweise verschieden.

Du bis ein sehr kreativer Mensch. Neben dem Schreiben widmest Du Dich auch dem Zeichnen, fertigst Motivstempel - wann findest Du für all diese Dinge neben Deiner zeitaufwändigen Tätigkeit für die Verlage nur die Zeit?

Wenn man weder Kinder noch Haustiere hat, und sich der Medienkonsum auf Bücher und ausgewählte DVDs beschränkt, hat man erstaunlich viel Zeit. Aber es ist schon wahr, dass die Hobbys hinter dem Beruf oft zurücktreten müssen, was ich natürlich bedauere.

Du hast zwei Romane zum Schwarzen Auge beigesteuert. Warst oder bist Du selbst Rollenspielerin, konntest Du hier, in einer Welt in der tapfere Recken die Regel sind, Deine Vorstellungen von vielschichtigen Charakteren umsetzen - gab es hier Vorgaben von den Verlagen, was Umfang und Handlung der beiden Titel anbelangt?

Ja, ich bin immer noch Rollenspielerin, wenn sich die Zeit findet, eine der beiden Gruppen zusammen zu trommeln. Mit DSA habe ich damals angefangen, ehe der Fokus sich auf eigene Rollenspielsysteme und Welten richtete.
Ich schreibe aber auch für DSA eher abenteuerliche Entwicklungsromane als Heldenlieder.
Hauptfiguren wie Starna, eine zweifelnde junge Schamanin, oder Rikkinen, ein verbitterter Mann, der mit seinen eigenen Leuten und besonders den ihnen „heiligen“ Wölfen im Clinch liegt ... Das sind im besten Falle Helden aus Verzweiflung, die erst zu sich selbst finden und dann ihre Rolle in der Gesellschaft annehmen oder gestalten müssen. Also keinesfalls typische 'Recken'.
Der Umfang der Romane ist übrigens vertraglich festgelegt und die Handlung skizziert man in der Regel schon vorab in einem Exposé, so dass es da keine größeren Probleme gibt. Kleine Anmerkung: Der dritte Roman für DSA ist schon in Vorbereitung.

Konntest Du mit den Nivesen Deine Erfahrung aus dem Studium was Naturvölker, ihre Art zu leben, zu denken und ihre Religion einbringen?

Aventurien ist eine Welt in Entwicklung. Das bedeutet einerseits, dass eine fortlaufende Geschichte mit Umwälzungen aller Art stattfindet, und andererseits heißt es, dass die Welt immer komplexer beschrieben und reguliert wird - was für Autoren nicht nur Vorteile mit sich bringt.
Als Beispiel: beim „Geisterwolf“ existierten als Hintergrundmaterial vielleicht eine Seite zu der Kultur der Nivesen sowie eine schöne Legende aus dem Götterhimmel und vom Sündenfall der Menschen. Ich konnte also meiner Fantasie freien Lauf lassen und das Nomadenleben und die Schamanenszenen so realistisch wie möglich gestalten.
Beim „Goldenen Wolf“ gab es einige Jahre später bereits eine eigene Box und einen Band der Spielhilfe zu den Völkern des Nordens, Auszüge aus der nivesischen Sprache, Namenslisten etc.
Inzwischen ist es so, dass auch der Schamane als Helden-Typ komplett beschrieben ist, mit allen Ritualen, den internen Kosten, Besonderheiten, Wirkungen...
Die meisten dieser Dinge haben von Seiten der Redaktion Vorschlagcharakter. Es sind Spielhilfen (mit großem H); sie können also vom Spielleiter je nach Gusto ausgewählt und umgeändert werden, damit es zu dem eigenen Weltbild der jeweiligen Gruppe passt.
Von den Romanen wird auf Leserseite jedoch erwartet, dass sie sich lückenlos in den Kosmos einfügen, damit sich auch die Mehrheit der Fans darin zurechtfindet und es möglichst wenige Sprünge zum Bild des offiziellen Aventuriens gibt. Man weiß das als Autor, und geht so gut wie möglich damit um. Doch da die Welt immer detaillierter beschrieben wird, werden die Freiräume zunehmend enger. Ich bin deswegen mit dem neuesten Roman auf gewisse Weise ins „terra incognita“ ausgewichen, das aventurische Äquivalent der (Ant-)Arktis.

In „Der Geisterwolf“ nimmt ein Orkschamane, im „Goldenen Wolf“ ein Goblin eine wichtige Rolle ein. Sind die die vermeintlich Bösen als Autorin nicht fast interessanter, als die üblichen Helden?

Wie oben bereits erwähnt, entsprechen meine Figuren selten dem klassischen Heldentyp.
Alle Figuren, Protagonisten wie Antagonisten, folgen ja eigenen Zielen, sehen sich selbst als die Guten und unterscheiden sich höchstens in der Wahl ihrer Mittel, um das Erstrebte zu erreichen.
Als ich damals den „Geisterwolf“ entworfen und geschrieben habe, waren Orks als Hauptfiguren noch kein Thema in der Literatur. Sie waren die gegnerischen Dummbratzen, oder bestenfalls Schergen des Gegenspielers, an denen vorbei man irgendwie zum Ziel kommen musste.
Der Ork in meiner Geschichte ist aber Schamane, bekleidet also eine wichtige Position innerhalb seines Stammes und kann deswegen gar nicht so dumm sein. Tatsächlich ist er in der kleinen Dreiergruppe der Hauptfiguren der cleverste, die beiden anderen sind jung und unerfahren.
Orks sind im Roman, anders als zuerst angenommen, auch gar nicht die Bösen. Diese Rolle habe ich einigen Piraten gegeben, die einem rauf- und sauflustigen Völkchen entstammen, das sonst eher „Recken“ hervorbringt. Gefallene Helden, Ausgestoßene, die sich aus diesem Grund gegen alles gewandt haben.
Beim „Goldenen Wolf“ ist das ganz ähnlich. Der Antagonist ist ein verhinderter Schamane, eigentlich ein Mann mit viel positivem Potential, der an den starren Regeln seiner Gemeinschaft scheitert und sich deshalb irgendwann gegen sie und die Wolfsgötter richtet.
Ursprung für diese Idee war eine neu eingeführte Regel bei DSA, die aber inzwischen wohl wieder passe ist. Darüber bin ich schon bei der Arbeit am „Geisterwolf“ gestolpert, und die aufgeworfenen Probleme und Gedanken sind dann gleich in den neuen Roman eingeflossen.
Die Position der klassischen Bösen (außerhalb eines nötigen Handlungsstranges) einzunehmen, reizt mich jedoch weniger, was dann auch die Antwort auf die nächste Frage vereinfacht.

Nicht umsonst hast Du Deinen Lebenspartner Alexander Lohmann ja auf die Idee gebracht, eine Fantasy-Queste einmal aus der anderen Sicht, der der Bösen, aufzuziehen. Gibt es da von den Tantiemen etwas ab?

Das stimmt. Da Alexander und ich bei unseren Projekten aber ohnehin eng zusammenarbeiten, gleicht sich das, was Tantiemen angeht, schon wieder aus.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Du zunächst bei Heyne, später dann bei FanPro Deine Geschichte von Aventurien unterbringen konntest?

Auf die Idee, einen Roman für DSA zu schreiben, hat mich damals Christel Scheja gebracht. Zu dieser Zeit erschienen die Romane noch bei Heyne. Mit dem Verkauf des Verlags wanderten die Rechte dann aber an FanPro zurück, wo jetzt alle Taschenbücher zu DSA erscheinen.

Spielst Du gerne mit Klischees, drehst Archetypen, um einen anderen, frischen Blickwinkel zu erhaschen?

Unbedingt. Manchmal reichen auch Kleinigkeiten schon für einen neuen Blickwinkel aus.
Ich liebe spielerische Andeutungen und ironische Anspielungen, auch wenn man diese Vorliebe in erster Linie in Kurzgeschichten ausleben kann, weil Romane oft eine spezielle Herangehensweise erfordern. Ganz wichtig ist es auch, dass man nicht auf andere Weise in die Klischeefalle gerät oder die Figur zu platt gerät.

Gibt es hier Vorbilder literarischer Art? Ich könnte mir vorstellen, dass z.B. Marion Zimmer Bradley ein Einfluss auf Deine Art zu fabulieren hatte.

Gerade Marion Zimmer Bradley hat so gut wie keinen direkten Einfluss. Ich habe ihre Bücher erst relativ spät gelesen (als ich bereits jahrelang schrieb) und schätze eher ihre Arbeit als Herausgeberin als ihre Werke. „Die Nebel von Avalon“ zum Beispiel fand ich eher langweilig, ihre „Amazonen“-Bücher oft zu übertrieben amazonig. Aber das ist nur mein persönlicher Geschmack, und die Autorin ist auf jeden Fall eine ganz wichtige Ikone der Frauenfantasy.
Stärkeren Einfluss haben sicherlich Autoren wie Tolkien (allein den „Herrn der Ringe“ habe ich seit 1970 bestimmt ein Dutzend Mal gelesen), Lindgren, McKillip, Barry Hughard, Diana Wynne Jones ... und vor allem die vielen Märchenerzähler gehabt, deren Geschichten mich seit Kindertagen begleiten.

Du hast vor einigen Jahren am von Ueberreuter ausgeschriebenen Wolfgang Hohlbein Preis teilgenommen und bist mit Deinem Manuskript unter die letzten vier gekommen. Woran lag es, dass es letztlich nicht zu einer Zusammenarbeit mit Ueberreuter kam?

Das Projekt war unter hunderten Manuskripten in die nähere Auswahl gekommen. Aber dann wollte man dem Zeitgeist entsprechend doch lieber andere Stoffe verlegen.
Vielleicht war es mein Manko, dass ich damals noch keine Jugendbücher veröffentlicht hatte und man mir die Arbeit für diese Zielgruppe nicht zutraute. Letztlich endete die Zusammenarbeit mit dem Verlag ergebnislos durch einen Wechsel im Lektorat.

Im Frühjahr kam nun bei Spreeside „Die Nebelburg“, eine Geschichte von zwei Mädchen, die ausziehen, Ritter zu werden. Seit wann gingst Du mit der Idee dazu schwanger?

Die beiden abenteuerlustigen Mädchen spuken schon ziemlich lange in meinen Kopf herum.
Wie oft las man schon vom Helden, der die Prinzessin aus den Fängen des Bösen rettet? Sogar von der Frau, die ihren Liebsten befreit, von Männern, die für ihre Kameraden durchs Feuer gehen. Aber eine Frauenfreundschaft durch dick und dünn...?
Die erste Geschichte über Daphne und Rinia habe ich noch zu Oberstufen-Zeiten geschrieben. Der Großteil des Konzepts, der heutigen Namen, Hintergründe und Ereignisse findet sich bereits in dieser Erzählung, die das Herzstück des heutigen Romans bildet. Damals verbrachte ich auch viele Stunden mit Figurenportraits, einer Landkarte ... Im Laufe der Jahre habe ich den Rest der Trilogie geplottet, der Roman in dieser Form entstand jedoch erst im letzten Herbst exklusiv für Spreeside.

Sowohl vom Ansatz her, als auch inhaltlich schien mir der Roman auch als Jugendbuch geeignet. Hattest Du ursprünglich vor, das Manuskript einem der Jugendbuchverlage anzubieten?

Das ist kein Zufall. „Die Nebelburg“ ist ein Roman für Jung und Alt, was man heute auf gut neudeutsch einen „all ager“ nennt. Ich lese selbst auch immer noch ganz gerne Jugend-Romane, und das Buch empfiehlt sich durch das Alter der Protagonistinnen besonders für eine jüngere Zielgruppe.
„Die Nebelburg“ ist auch das erste Projekt, das ich gemeinsam mit meiner Agentur Schmidt & Abrahams verwirklicht habe. Soweit ich weiß, wurde der Roman von der Agentur auch Jugendbuchverlagen angeboten. Ich habe mich dann für Spreeside entschieden, weil ich deren Konzept von sehr hochwertigen und dennoch günstigen Hardcovern und die gleichzeitige Vermarktung als Hörbuch ansprechend fand.

Im Roman gehst Du einen ganz eigenen Weg. Drachenreiter kennen wir zu Genüge, doch Greife, die in ihrer Ausgestaltung an große Greifvögel erinnern, als fliegende Einsatztruppe im Dienst des Königs, ist etwas Neues. Wie kamst Du hier auf die Idee? Wo und wie hast Du hier recherchiert?

Der Greif als Wappentier für die Ritterschaft von Alnoris ist genauso alt wie die Urzelle des Romans (ungefähr 30 eng handgeschriebene A4-Seiten). Konkret zu Reittieren wurden die Greifen dann im Zuge der Bearbeitung des Konzeptes als tragfähiger Roman. Drachen waren mir zu groß, Riesenadler gab's schon bei Tolkien, also habe ich kurzerhand den Greif beim Schwanz gepackt.
Gute Anregungen fand ich im „Greif und Phönix“-Universum zweier befreundeter Zeichnerinnen, von denen ich einige Bilder in die „Nebelburg“-Galerie auf meiner Website aufgenommen haben. Recherche würde ich das zwar nicht gerade nennen, aber Inspiration habe ich auf jeden Fall daraus gezogen.
Außerdem habe ich persönlich eine gewisse Affinität zu Flugwesen und Raubvögeln, dieses Thema taucht auch in verschiedenen meiner Kurzgeschichten auf.

Unter Deinen Knappen befinden sich jedes Jahr alterierend Jungen wie Mädchen, die ihre Ausbildung zum Ritter durchlaufen. Gelebte Emanzipation - ich nehme einmal an, dass das etwas ist, was Dir wichtig ist - und das in mittelalterlichen Gesellschaften, die ja Vorlage für die meisten Fantasy-Romane sind, wo Derartiges kaum einmal vorkam?

Für diese Regelung gibt es mehrere Gründe. Erzählerische (die Gruppen des Ausbildungsjahrgangs sollten nicht zu groß und unübersichtlich werden), entwicklungspsychologische (die Reife bei den Geschlechtern ist, je nachdem, unterschiedlich ausgeprägt) und intern rein praktische, von denen einige im Roman ja bereits angesprochen werden (weniger Ablenkung, Platzprobleme ...).
Beim alternierenden System konkurrieren männliche und weibliche Bewerber nie direkt miteinander. Durch den Alters- und Erfahrungsabstand fällt es im Gegenteil leichter, gegenseitig Hilfestellung zu geben und anzunehmen - und das ist durchaus gewollt, denn das Miteinander der Ritterschaft wird ja häufig genug beschworen.

Mir fiel auf, dass sich die Ausbildung der Mädchen, die Du schilderst, kaum von der der Jungen unterscheidet. Probleme wie etwa die gegenüber Jungen schwächer ausgebildete Kraft, oder die Belastung aufgrund des Menstruationszyklus sprichst Du - noch - nicht an. Warum, wird es hier in den nächsten Bänden noch etwas in diese Richtung - Mädchen wird zur Frau und die damit verbundenen Probleme - geben?

Dafür gibt es bei mir (ungeliebten) Tanzunterricht ;-)
Aber mal ernsthaft: Auch Jungs haben ja Pubertätsprobleme, auf die in vergleichbaren Abenteuerbüchern kaum eingegangen wird, einfach weil es selten spannend zu lesen ist. Aus demselben Grund habe ich das Thema hier ausgeklammert. Für eine Rittergeschichte in einem Fantasyreich spielt die Menstruation nur eine geringe Rolle.
(Wobei es psychologisch - auch ethnologisch - sehr interessant zu beobachten ist, inwieweit Dysmenorrhoe, wie überhaupt Schmerzempfindung, kulturell beeinflusst werden.
In einem anderen Roman ist das Erwachen der Weiblichkeit ein zentrales Element, hier jedoch habe ich mich dagegen entschieden.
Und Kraftunterschiede zum Beispiel werden durch die Auswahl von Rüstung und Waffen teilweise kompensiert.

Wie kam es zum Kontakt mit Spreeside? Hast Du mit Deinem Manuskript da offene Türen eingerannt? Spreeside hat ja mit Falko Löffler bereits einen Fantasy-Autor unter Vertrag.

Der Kontakt lief erst mal über die Agentur, später haben wir uns auf der Buchmesse in Frankfurt persönlich kennengelernt. Und Falko habe ich auch bereits beschnuppert. Wir haben uns gut unterhalten. Ich denke, der Himmel über Berlin ist weit genug für Drachen und Greifen ;-)

Inwieweit hattest Du Einfluss auf die Gestaltung des Buches? Das Cover von Arndt Drechsler spiegelt ja eine Szene aus dem Buch sehr stimmungsvoll wider.

Bei dem Treffen mit den Verlegern haben wir über das Thema Cover kurz gesprochen, und ich habe ein paar meiner Ideen dargelegt. Das Titelbild ist überraschend anders, als ich es mir vorgestellt habe, aber ich war vom ersten Moment an begeistert über die Gestaltung des Buches, zu der ebenso der Schriftzug gehört. Ein wahres Schmuckstück. Das Cover-Motiv dient mir übrigens seither als Bildschirmhintergrund ... auf PC und Laptop.

Wie die meisten Autoren nutzt auch Du den allwissenden Erzählstil. Warum keinen Ich-Erzähler?

Ich würde den Erzählstil eher personal/auktorial nennen. Die Perspektive bleibt zu 95 Prozent bei Daphne, und der Leser erfährt nie mehr, als sie weiß. Nur zum Ende hin gibt es aus Gründen der Dramatik drei ganz kurze Abstecher aus Rinias Blickwinkel. Ich mag diese Perspektive sehr gern, weil sie den Leser nahe bei der Figur hält, aber ihm trotzdem Interpretationsmöglichkeiten lässt.
Ein Ich-Erzähler birgt das gewaltige Problem, dass der Leser alles durch seine Brille gefärbt erlebt - und eine objektive Bewertung sehr schwierig wird. Auch das bietet zwar spannende Möglichkeiten und eine intensive Darstellung, aber bisher habe ich damit nur in Kurzgeschichten experimentiert.

Hast Du aus Deinen Büchern schon einmal öffentlich gelesen? Wie war das für Dich, die direkte Rückmeldung zu bekommen?

Ein oder zweimal im Jahr lese ich aus meinen Werken. Der direkte Kontakt zum Publikum ist spannend, weil die Reaktionen ungefiltert sind. Andererseits finde ich es schade, nur einen kleinen Teil des Romans präsentieren zu können. Vom Standpunkt des Schöpfers aus kann die Geschichte nur als Ganzes ihre komplette Wirkung entfalten. Die Struktur ist oft verwoben mit vorhergehenden oder folgenden Szenen, was es schwierig macht, nicht zu viel zu verraten.

Wie kommst Du sonst mit Deinen Lesern in Kontakt? Du hast ja einen sehr liebevoll aufgemachten Internetauftritt.

Danke! Was den Leserkontakt angeht, so plane ich gerade etwas, das aber noch nicht spruchreif ist. Neben der Homepage bin ich auch in Fantasy-Foren wie z.B. dem Tintenzirkel aktiv.
Und für Interviews stehe ich auch immer zur Verfügung. An dieser Stelle noch vielen Dank für die interessanten Fragen.

Vielen Dank, dass Du Dir für unsere Leser Zeit genommen hast. Wir wünschen Dir für die Zukunft alles Gute!


Die Website von Linda Budinger ist hier zu finden.

Carsten Kuhrs Rezension zu "Die Nebelburg" ist hier zu finden.





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