Im Gespräch mit: Thea Lichtenstein
Datum: Friday, 31.October. @ 08:48:36 CET
Thema: Interview


Nachdem kürzlich mit „Der Ruf des Drachen“ der Auftaktband zur „Maliande“-Trilogie von Thea Lichtenstein bei Goldmann erschien, hat unser Mitarbeiter Carsten Kuhr ein kurzes Interview mit der Autorin geführt.

Hallo Frau Lichtenstein. Könnten Sie sich zu Beginn unseres Gesprächs kurz selbst den Lesern vorstellen?

Ich bin durch und durch ein Buchmensch, wobei es mir manchmal fasst unheimlich ist, wie sehr der Umgang mit Literatur in alle Bereiche meines Lebens hineinwirkt. Wenn man sich also ein Bild von mir machen möchte: „Sitzende Frau mit bedrucktem Papier in der Hand“ trifft es wohl am Besten. Wobei ich „Sitzende Frau mit Weinglas“ auch nicht schlecht finde.

Ihr Debütroman erschien als großformatiges Paperback im Goldmann Verlag. Inwieweit hatten Sie als Autorin hier Einflussmöglichkeiten auf die äußere Gestaltung etc.?

Hier halte ich mich an eine bewährte Faustregel: Ich bin als Autorin für den Inhalt des Buches zuständig, der Verlag für den Auftritt. Allerdings hat mir der Coverentwurf von „Der Ruf des Drachen“ gleich gut gefallen, da er eine Figur aus dem Buch wunderbar spiegelt.

Sie schreiben unter Pseudonym – warum?

Bereits als die ersten Seiten von standen und ich noch keinen Gedanken an eine mögliche Veröffentlichung verschwendet hatte, prangte da schon das Pseudonym über dem Manuskript. Es war eine Wortspielerei, außerdem fand ich es verlockend, eine Pseudo-Biographie für Thea Lichtenstein zu spinnen. Leider passte die wiederum schlecht zu einer Veröffentlichung, darum muss sich Thea jetzt mit ein paar schlichten Zeilen zufriedengeben.

In diesem Zusammenhang stieß ich auf einen Roman bei Heyne, der auch aus Ihrer Feder stammt, aber einen anderen Verfassernamen trägt – allerdings auch mit einem Urban-Fantasy-Plot ein anderes Sub-Genre bedient. Wie kam es hier zum Kontakt, bleibt Ihnen neben Ihrer Tätigkeit überhaupt genügend Zeit fürs Schreiben?

Meine Lieblingsbücher in der Fülle der Romane waren immer fantastisch – ob nun High Fantasy, Science Fiction oder eben auch Mystery. Ich finde es einfach reizvoll, über etwas zu lesen oder selber nachzudenken, das außerhalb der Realität liegt. Ob es nun King-mässig der Einbruch von Horror in den Alltag oder wie bei Terry Pratchett der Entwurf einer eigenen magischen Welt ist – Hauptsache fantastisch. So war es für mich auch ganz selbstverständlich, meinen Ideen zu folgen, ohne mich um das jeweilige Genre zu kümmern. Dadurch, dass „Maliande“ und die Mystery-Reihe nun unter verschiedenen Autorennamen und bei zwei verschiedenen Verlagen erscheinen, gibt es hier auch kein Verwirrspiel.

Mit „Ruf des Drachen“ legten Sie einen High-Fantasy-Plot vor, der sich, ich sage dies jetzt ganz bewusst und meine es bestimmt auch nicht negativ, eher an eine weibliche Fangemeinde richtet. Sie legen sehr großen Wert auf eine überzeugenden Charaktergestaltung und die Darstellung von Gefühlen. Wie sehen Sie das, schreiben Sie Frauen-Fantasy?

Wenn man jede freie Minute damit verbringt, an einem Manuskript zu arbeiten, reicht als Motivation nicht der Gedanke aus, bestimmte Lesewünsche zu erfüllten. Bei mir ist es jedenfalls so, dass ich von einer Idee fasziniert bin und das – manchmal regelrecht drängende – Bedürfnis verspüre, sie in eine Geschichte zu kleiden. Nachdem ich das erste Buch der Trilogie abgeschlossen hatte, wurde mir bewusst, dass ich verhältnismäßig viel Wert auf die Entwicklung meiner Figuren und ihrer Beziehungen zueinander gelegt hatte und das Säbelrasseln eher sparsam einsetze. Wenn das die beiden Größen für Frauen-Fantasy sind, bin ich gerne mit dabei.

Gerade im Bereich der Fantasy für eine weibliche Leserschaft sind bislang zumindest die Autorinnen deutscher Zunge bislang eher unterrepräsentiert. Selbst versierte und eingeführte Autorinnen – ich denke an Uschi Zietsch oder Claudia Kern schreiben eher Mainstream-Fantasy, als dass sie die Wünsche einer weiblichen Klientel besonders berücksichtigen – Ihre Nische? Und woher kommt es, dass sowohl die Verfasser, als auch die Autoren hier den boomenden Markt fast kampflos den US-Autorinnen überlassen?

Warum diese Nische bislang hierzulande vernachlässigt worden ist, darüber lässt sich letztendlich nur spekulieren: In den USA tritt man ja im Allgemeinen sehr viel professioneller an das Fabrizieren von Literatur heran, meint: Man betrachtet das Schreiben als ein Handwerk, das man erlernen kann. Diese Autoren sind anschließend sicherlich auch geübter darin, die Buchwelt als eine Art Warensortiment zu betrachten und sich entsprechend ihre Themen zu suchen. Allerdings muss man sagen, dass sich in Deutschland in den letzten Jahren sehr viel getan hat, alles ist sehr viel bunter geworden, es gibt immer mehr Crossover und Sub-Genre sowie sich die Leserschaft deutlich vergrößert hat. Es ist bestimmt nur eine Frage der Zeit, bis Autorinnen und Verlage entsprechend nachziehen werden. Vermutlich nicht bloß aus Kalkül, sondern auch, weil sie endlich Leser für ihre Stoffe gefunden haben.

Würden Sie ein Schreibseminar besuchen oder eventuell auch eines als Dozentin betreuen?

Wenn man schreiben will, ist es auf jeden Fall gut, das Schreiben auch als ein Handwerk zu begreifen, denn eine gute Idee macht noch keinen Roman. Es gibt tolle Bücher zu diesem Thema, auch von erfolgreichen Autoren geschrieben. Da kann man Einiges über Erzählperspektiven, Figurenzeichnung, Spannungsaufbau usw. erfahren oder auch, was man anschließend mit einem fertigen Manuskript anstellt. Einige veröffentlichte Autoren geben auch großartige Tipps auf ihren Homepages, z.B. bei Andreas Eschbach (schon fast ein Klassiker). Ich habe zwar noch kein Schreibseminar besucht, kann mir aber vorstellen, dass es Sinn macht. Vor allem, weil man dann auch Kontakt zu anderen angehenden Autoren bekommt. Ob ich mir mich selbst als Dozentin vorstellen könnte? Um ein solches Seminar zu leiten, sollte man auf jeden Fall schon reichlich Erfahrung mit eigenen Veröffentlichungen haben und auch ein gewisses Können und Vergnügen an den Tag legen, es anderen zu vermitteln. Zumindest was die Veröffentlichungen anbelangt, werde ich wohl noch fleißig sein müssen.

Die Frage nach Vorbildern drängt sich auf?

Ich muss gestehen: Es sind die üblichen Verdächtigen. Prägend – wie so oft – war Tolkiens „Herr der Ringe“. Besonders der Auenland-Part zu Beginn der Trilogie hatte es mir schon immer angetan. Die Idee, dass in einer abgelegenen Gegend, die kaum einer der Mächtigen im Visier hat, das Startsignal für große Veränderungen gesetzt wird, hat mich genauso gereizt, wie die Beschreibung eines ländlichen und leicht zu gefährdeten Idylls.

Zu „Maliande“ – Sie erzählen dem Leser sehr wenig über die Welt, in der Sie die Handlung angesiedelt haben – wollen Sie sich bewusst Terra Incognita für weitere Bände offen lassen, oder haben Sie im stillen Kämmerchen bereits eine sehr dezidiert ausgearbeitete Karte vorliegen?

Als Trilogie ist „Maliande“ ja ganz klassisch angelegt worden: die Geschichte beginnt im Kleinen – in diesem Fall ein abgelegenes Tal - und dann fächert sich die Landkarte allmählich auf. Ich liebe den Beginn vom „Herrn der Ringe“, wenn man Seite und Seite in das friedliche Leben des Auenlands eingeführt wird und man noch keine Ahnung davon hat, wohin die Reise geht. Ich mag auch die Ruhe, mit der Tolkien seine Geschichte erzählt – wenn man sich drei Bücher für eine Geschichte Zeit nimmt, muss man ja nicht gleich mit Vollgas durchstarten.
In dem Kämmerchen des Autorinnenkopfes gibt es also tatsächlich einen ganzen Weltenentwurf, von dem im ersten Buch bewusst nur ein Ausschnitt gezeigt wird: Während die Schauplätze im „Der Ruf des Drachen“ noch sehr überschaubar sind, wird der Radius im zweiten Buch schon wesentlich größer, die Leser werde an alle Orte der Rokals Land-Karte geführt, und im abschließenden Band werden die Grenzen dieser Karte sogar überschritten.

„Maliande“ verbindet zwei Elemente, die gerade in den letzten Jahren im Bereich der Fantasy große Zustimmung fanden – zum einen die Geschichte einer wahren Romanze, zum anderen die Faszination, die die großen Lindwürmer auf den Leser ausüben. Warum haben Sie sich, ganz bewusst unterstelle ich jetzt einmal, dafür entscheiden, Drachen in
Ihren Roman zu integrieren?


Neben der Liebesgeschichte zwischen Nahim und Lehen ist das andere große Thema Maliandes die Magie. Und das bezaubernste und gleichzeitig (Ehr)-Furcht einflößenste phantastische Wesen ist der Drache. Die Drachen spielen in „Maliande“ eine wesentliche Rolle, weil ich als leidenschaftliche Fantasyleserin schlicht und ergreifend fasziniert bin von diesen Geschöpfen. Während Rokals Lande in meinem Kopf Formen angenommen hat, war es für mich ganz selbstverständlich, dass Drachen über dieses Gebiet fliegen würden, genau wie die Tatsache, dass sie eine Schlüsselfigur im Verlauf des Quests darstellen werden.

Wie kamen Sie auf die doch recht ungewöhnliche Idee, dass Magie sich mit einer stofflichen Flüssigkeit verbindet?

Wie kommt ein Autor auf seine Ideen? Bei Terry Pratchett fliegen die Inspirationen frei umher und dringen willkürlich in die Köpfe der Scheibenwelt-Bewohner ein. So ähnlich ergeht es mir beim Schreiben: Zu Beginn eines Romans habe ich eine vage Karte und meine Hauptfiguren vor Augen, bevor ich chronologisch zu schreiben beginne. Als Nahim versucht, Lehen die von der Magie berührte Welt außerhalb des Tals zu beschreiben, fiel plötzlich das Wort Maliande. Ab da musste ich mir erst einmal klar werden, was sich hinter diesem Wort überhaupt verbirgt und bevor ich mich versah, hatte ich den roten Faden und den Titel für meine Trilogie.

Ein zweiter Band ist angekündigt. Machen Sie unseren Lesern doch ein wenig den Mund wässrig – auf was kann er oder sie sich freuen – um was geht es?

Das zweite Buch, das im Sommer 2009 erscheinen wird, beginnt mit einer Schlacht zwischen Elben und Menschen, da mittlerweile ein erbitterter Kampf um das Maliande ist ausgebrochen ist. Gleichzeitig ist der Wandel, den bereits die Orks durchmachen mussten, noch lange nicht abgeschlossen: Als der Elbe Aelaris in den Kerkern von Aachten zu sich kommt, kann er nur durch eine List der Drachenreiterin Lalevil entfliehen. Doch plötzlich ist alles anders. Die lebendigen Zeichen, die jeder Elbe als Ausdruck seiner Gefühle und seines Ranges auf seiner Haut trägt, haben sich bei ihm verändert. Es scheint, als wäre Aelaris plötzlich keiner der Ihren mehr. Aber auch bei Nahim und Lehen ist nichts mehr so, wie es war. Sie stehen vor den Trümmern ihrer Liebe, als Nahim das Tal verlässt, um Lalevil nach Achaten zu begleiten. Eine Entscheidung, die nicht nur für ihn gefährliche Konsequenzen haben wird, denn das Geheimnis der Drachen ist nicht länger in Sicherheit...

Haben Sie recht herzlichen Dank, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben. Wir wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute!


Carsten Kuhrs Rezension zu „der Ruf des Drachen – Maliande 1“ von Thea Lichtenstein ist hier zu finden.







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