„Der Ring – Das Musical“
Datum: Saturday, 05.January. @ 12:06:16 CET
Thema: Veranstaltung


„Der Ring – Das Musical“ verbindet in Bonn Altes mit Neuem. Nach der Inszenierung von Richard Wagners Opernepos durch den kürzlich verstorbenen Regisseur Siegfried Schoenbohm und der tänzerisch choreographischen Auseinandersetzung durch Johann Kresnik gibt es erstmalig ein Musical zu diesem Thema: Ein alter Stoff, bearbeitet von einem jungen Autorenteam. Christoph Marzi hat das Musical im Theater Bonn gesehen und berichtet.

„Von vielen Wunderdingen erzählen die Mären aus alter Zeit ...“ Und das, was in der Edda und dem Nibelungenlied geboren wurde, erwacht endlich wieder zu neuem Leben. Blutige Kämpfe um Herrschaft und Gold toben auf der Erde, bis Wotan den mächtigen goldenen Ring auf den Grund des Rheins verbannt, wo seine Töchter über ihn wachen. Ein Zwerg namens Alberich stürzt in die Fluten, widersagt den Reizen der Rheintöchter und bringt so den Ring der Macht in seine Gewalt. Er errichtet sein Imperium Nibelheim und frönt zügellos der Macht, was schicksalhafte Geschehnisse heraufbeschwört. Wotan, der seine widerspenstige Tochter Brunhild mit einem Bann belegt hat, steigt aus Walhall hinab, um sich des Rings zu bemächtigen. Riesen verraten einander und werden Opfer eines Fluchs. Alberich erschafft aus verderbter Magie und Erde eine Kreatur, die zum Helden heranreift, die Drachen tötet und schließlich die Liebe kennen lernt: Siegfried. Die Macht des Rings lässt Götter zu Menschen werden und Menschen zu Sklaven. Es gibt nur eine Möglichkeit, dem Unheil zu entrinnen – ein Mensch muss den eigenen Schatten besiegen.

Eine Geschichte, bei deren reichhaltigen Facetten sich Dichter, Komponisten und Schriftsteller bedient haben, lebt aufs Neue auf.

Frank Nimsgern und Daniel Call bereichern die alte Geschichte aus der Edda und dem Nibelungenlied mit Elementen aus Wagners Ring, Grimms Märchen, Mary Shelleys Frankenstein, DC Comics, Hollywood- und Defa-Filmen und vielem mehr. Die Bühne explodiert in Bildern, die wie eine wilde Mischung aus Terry Gilliam, Tim Burton, David Lynch und den Wachowski-Brüdern anmuten: kämpfende Ritter, die an Tolkiens Reiter von Rohan erinnern, missgestaltete Orks, die Alberich in Nibelheim dienen, ein Drachenschlund als blutrotes Inferno, filmreife Schwertkämpfe, ein Spinnennetz aus Schicksalsfäden, zwischen dem gigantische Blumen wachsen, die Tiefen des Rheins, ein güldenes Walhall, das wie Wotan in den Schatten ertrinkt, gigantische Spiegel, die eine neue Welt erschaffen. Am Ende ist das, was sich dem Zuschauer bietet, nicht weniger als das, was man früher als Spektakel bezeichnet hätte.

Karim Khawatmi zeigt uns einen Wotan, der wie ein müdes altes Tier sein Ende kommen sieht und seiner Tochter Brunhild in hilfloser Verzweiflung die Gottheit von den Augen küsst. Aino Laos ist die kämpferische Amazone in schwarzem Matrix-Outfit, die der Allmacht ihres Vaters zu entkommen versucht und am Ende die Liebe findet und den einzigen Schritt tut, der sie ins unentdeckte Land führt. Darius Merstein-McLeod gibt einen Alberich, dessen Schicksal einen mitten ins Herz trifft, einen widerlichen Bösewicht, der nicht von ungefähr an Batmans Gegenspieler, den Pinguin, erinnert und dessen Schicksal uns ebenso nachdenklich macht wie Danny deVitos Darstellung der fiesen kleinen Kreatur in Tim Burtons Film. Marcus Hezels Siegfried wandelt sich von einer Golem-haften Kreatur, die nur Kampfmaschine ist, zu einem Menschen, der schließlich Brunhild erlöst, sein Herz entdeckt und der Welt eine neue Ordnung gibt. Und zwischendrin versuchen die Rheintöchter, die wie die sexy Charlie’s Angels der Fluten daherkommen, den Ring, den sie verloren haben, zurück zu erlangen.

Kurzum: es geht, wie in jeder guten Geschichte, um echte, lebende, leidende, kämpferische und lachende Menschen, die ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen versuchen. Es gibt kein Schwarz und Weiß, kein Gut oder Böse, alles ist grau. Es geht um Macht, um Triebhaftigkeit, um Heldentum und um Rache. Und dies alles zu einer Musik, die ihresgleichen sucht. Was Hans Zimmer, John Williams und Danny Elfman für die Filmmusik getan haben, erreicht Frank Nimsgern fürs Musiktheater: er erschafft eine musikalische Stimme für die moderne Zeit, in der die Mythen noch lange nicht gestorben sind. Hätte Howard Shore die Soundtracks zu den Blaxploitation-Movies der 70er komponiert, wäre „Der Herr der Ringe“ mit Funk untermalt worden, oder hätten die Wachowski-Brüder die Charaktere in der Matrix singen lassen – es wäre etwas dabei herausgekommen, dass dem „Ring“ zumindest ähnlich gewesen wäre.

Fazit: „Der Ring“ ist Musiktheater, das in keine Schublade passt. Es packt einen, es reißt einen mit, es lässt einen nicht los. Wenn etwas dazu in der Lage ist, den dicken Staub von den Musical-Bühnen zu wehen, dann sind es diese Musik, diese Darsteller und diese Bilder, die man noch lange, nachdem man das Theater verlassen hat, mit sich herumträgt.

Näheres (Trailer, Videos, Interviews) zu „Der Ring“ sind hier zu finden.


Autor: Christoph Marzi





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