Im Gespräch mit: Frank Schweizer
Datum: Sunday, 25.November. @ 14:41:36 CET
Thema: Interview


Der 1969 geborene Frank Schweizer studierte Philosophie und Germanistik. Nach Abschluss seines Studiums mit einer Promotion über Adalbert Stifter arbeitete er zunächst in einer Comicredaktion. Seit 2003 ist er freiberuflicher Dozent und Autor. Zu seinen Veröffentlichungen zählen philosophische Werke ebenso wie der im Otherland Verlag erschienene Fantasy-Roman „Grendl“, ein etwas anderer humorvoller Fantasy-Roman. Unser Mitarbeiter Carsten Kuhr hat mit ihm gesprochen.

Guten Tag Frank. Wie kommt ein Mann, der das Denken gelernt hat, dazu, sich in die Niederungen der Trivialliteratur zu verirren - wenn es denn ein Irrweg ist?

Hallo Carsten. Zu Anfang gleich eine schwierige Frage. Okay… dafür gibt es sicher mehrere Gründe. Zuerst einmal denke ich, dass es sich bei Fantasy nicht zwangsläufig um Trivialliteratur handelt, sondern es gibt gute und schlechte Werke in diesem Genre. Ich könnte jetzt eine lange Liste (mit garantiertem Gähnfaktor anfügen), um zu belegen, dass selbst die größten Dichter gelegentlich Fantasy schrieben oder zumindest Fantasyartiges (z.B. Kafkas „Verwandlung“ oder E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“). Fantasy ist einfach ein Mittel sich auszudrücken und sie erlaubt Gedankenspiele (die in anderen Genres nicht möglich sind), weil man nicht an die Realität gebunden ist. Gar nicht so Unähnlich zur Philosophie, wo man ja auch Denkexperimente liebt und versucht, neue Wege zu gehen. Fantasy und Philosophie sind vielleicht gar nicht so verschieden, weil sie beide im Idealfall „im Kopf“ etwas Neues versuchen. Was läge also näher als beide zusammen zu bringen?

Mit „Grendl“ taucht Dein Name zum ersten Mal in entsprechenden Kreisen auf. Wer hat Dich beeinflusst, und warum ausgerechnet dieser Autor?

Ich habe mich gar nicht so sehr von Buchautoren beeinflussen lassen. Eher würde ich bestimmte Filme nennen wollen. Die Filme der Marx-Brothers zum Beispiel sind ein starker Einfluss, diese Mischung aus Absurditäten, Wortwitz und Geschwindigkeit ist einfach unerreicht, auch Monty Pythons und Woody Allen sind mir wichtig.

Hast Du vor „Grendl“ bereits einmal einen phantastischen Text verfasst, was war der Auslöser, am Schreibtisch zu sitzen und „Grendl“ zu beginnen? Wie kamst Du auf die Idee, einen Philosophiestudenten die Welt retten zu lassen?

Es mag etwas irritieren, ich habe vor „Grendl“ noch keinen phantastischen Text geschrieben, noch nicht einmal einen Roman oder Kurzgeschichte, gar nichts Erzählendes. Dies sei zur Unterstützung derjenigen angemerkt, die es auch nicht mehr hören mögen, wenn irgendwelche Autoren sich selbst mit eingebildetem Talent bespritzen und behaupten, dass sie schon im Alter von 3 Jahren in ihrer Waschküche die ersten Romane schrieben und natürlich schon damals spürten, dass sie Dichter werden wollten. Trotzdem war ich schriftstellerisch vor „Grendl“ nicht untätig. Ich habe zum Beispiel einige Sachbücher geschrieben, das erste übrigens schon als ich erst 36 Monate alt war, und zwar in der alten Scheune hinter unserem Haus.
Die Idee zu „Grendl“ trug ich schon eine Weile mit mir rum und eines Tages begann ich sie niederzuschreiben. Einen Philosophiestudenten fand ich als Helden natürlich passend, weil ich ja selbst Philosophie studiert habe. Andererseits möchte ich zurückfragen, warum sollte ein Philosophiestudent eigentlich nicht die Welt retten? Wenn bei Tolkien ein zwergenhafter Hobbit Mittelerde retten kann, warum sollte ein Philosophiestudent dann nicht auch mal was erreichen. Ich denke Philosophiestudenten sind die Hobbits unserer Zeit.

Wie kam es zum Kontakt mit Otherworld? Siehst Du es als Vorteil, in einem zwar kleinen, dafür aber um so engagierten Verlag publiziert zu werden?

Der Kontakt entstand eher zufällig, als ich auf die Internetseite des Verlags stieß und mich über ihn „schlau“ machte. Die großen Verlage geben sich praktisch nicht mit Debütanten ab und wollen „Kalkulierbares“. So richtig forsch und mutig, wenn es um Neues geht, sind die nicht. Die Leute vom Otherworld Verlag sind selbst Fantasy-Fans und veröffentlichen Literatur, die sie auch selbst kaufen und lesen würden. Da steckt noch viel echter Enthusiasmus dahinter, gute Bücher zu machen. Bei einem größeren Verlag würde ich wahrscheinlich sowieso irgendwo in der Masse der Autoren ertrinken.

Vor Deinem Roman hast Du ja bereits diverse wissenschaftliche Titel veröffentlicht. Ich nehme einmal an, dass der Schreibprozess hier ein ganz anderer ist. Inwiefern unterscheidet sich das Herangehen an einen Text bei einem Sachbuch von dem eines Belletristik-Titels?

Das ist natürlich ganz anders. Ein Sachbuch braucht viel Recherche. Da kann es sein, man liest über Tage hinweg etliche Bücher und schreibt dann am Ende drei Zeilen. Fantasy schreibe ich schneller, ich muss beim Schreiben „in“ der Geschichte sein und will am liebsten durch nichts abgelenkt werden. Wichtig ist hier, dass man sich vorher einen Plan macht, was passieren soll und welchen Charakter die Figuren haben. Solche Überlegungen hat man beim Sachbuch nicht, wo ja auch der Stil, den man schreibt, doch recht neutral sein sollte. Bei „Grendl“ ist der Stil vielschichtiger.

Nun gehst Du in Deinem Text etwas anders an als die bekannten Vorbilder. Wie viel von Dir selbst steckt in Max Merkur?

Die Frage habe ich schon ein paar Mal gehört. Und es gibt ja tatsächlich einige Dinge, die mich und Max Merkur verbinden, schon mal die Äußerlichkeit, dass wir beide in Stuttgart Philosophie studiert haben und ich ihm, glaube ich, ein oder zweimal in der Mensa begegnet bin. Warum habe ich ihn so ähnlich gemacht? Ich glaube, man muss als Autor eine Figur schaffen, an der man während des langen Schreibprozesses interessiert ist. Nicht dass es plötzlich in Kapitel drei heißt: „Und Max Merkur fiel beim Überqueren der Straße in ein tiefes, tiefes Loch und war tot“. Ich muss mir als Autor selbst einen Grund geben, an den Schreibtisch zurückzukehren, um seine Abenteuer mitzuverfolgen. Max Merkur ist ähnlich wie ich, aber in allen Dingen extremer: Er ist mutiger, vernünftiger, redegewandter und lustiger als ich… hmmm jetzt wo ich das so sage, überlege ich mir, ob ich ihn im nächsten Buch in ein Loch fallen lasse.

Gemeinhin sind Philosophen nicht unbedingt die gläubigsten Kirchenanhänger. Um so mehr überrascht mich, dass Du auf die christliche Hölle komplett mit Teufeln etc. zurückgreifst. Bot der Stoff einfach zu viele Punkte, in denen Du hier Kritik einfließen lassen konntest?

Ja, aus der Sicht von Teufeln die Welt zu betrachten, bietet tatsächlich einen guten Ansatzpunkt, um viele Dinge kritisch unter die Lupe zu nehmen. Zudem ist die Kirche in der Geschichte, außer im Mittelalter, der klassische Gegner der Philosophie. Aber es ist noch mehr: Sind die, die sich für gut halten, wirklich gut und hat nicht das so genannte „Böse“ auch seinen Punkt? Und sind die, die sich für die Guten halten, nicht nur verkappte Biedermänner? Ich bin beispielsweise beim Lesen von Harry Potter immer für Voldemort und wünsch’ mir, dass er den rechthaberischen H.P. in irgendwas Kleines verwandelt, was Quak macht. Man muss (zumindest in der Literatur und im Film) lernen, auch die „Guten“ kritisch zu sehen. Ich fand deswegen einen Perspektivwechsel ganz passend und lasse die Teufel die Welt retten.

Im Roman tauchen immer wieder gar absonderliche Gestalten auf. Mal abgesehen von den Sendboten der Hölle und ihrer Attentäter zeichnest Du auch die großen Denker unserer westlichen Welt in einem ungewöhnlichen Licht. Inwieweit hast Du hier Recherchen und Tatsachen einfließen lassen?

Natürlich werden die Philosophen in meinem Buch parodiert. Die Daten und Fakten und auch die Auszüge aus ihrer Philosophie sind aber wirklichkeitsgetreu und solide recherchiert. Ich habe auch Sachbücher über das Leben der Philosophen geschrieben und kenne die Quellen recht gut. Über kaum eine „Berufsgruppe“ wurden so viele schräge und absonderliche Geschichten erzählt als über Philosophen. Vielleicht wird eine lustige Darstellung ihnen, auch was die Fakten betrifft, gerechter als man denkt.

Einen Menschen auf die Suche nach dem Sinn des Lebens zu entsenden, und ihm zur Seite einen veritablen Teufel zu stellen, das gab es ja schon einmal. Goethes „Faust“ geht in eine ähnliche Richtung - ein Vorbild, „Grendl“ quasi als Hommage an Goethe?

Ja eine Hommage könnte man „Grendl“ nennen. Besonders als ich den „Teufelspakt“ und seine moderne Erneuerung durch ein Online-Angebot schrieb, habe ich an Goethe gedacht. Zudem ist „Faust“ eines meiner Lieblingsbücher. Beides geht um Sinnsuche und beide Helden haben übrigens Philosophie studiert. Allerdings ist die Welt eines Fausts und die von Max Merkur doch eine andere, weil ja Faust nix anderes macht, als den Frauen hinterherzulaufen… so ein Hallodri!

Eine besondere Idee ist die Vorstellung, dass in der Hölle dreieckige Räume bevorzugt werden. Was war der Auslöser für diese doch ungewöhnliche Vorstellung - von Dante hast Du das ja nicht übernommen?

Ich denke, dass man Kugeln und Kreise als die perfekteste Form ansieht. Der Himmel ist halbkugelförmig und ich könnte mir denken, dass Engel Kreise lieben. In der Menschenwelt ist alles rechteckig: Das Bett, der Tisch, die Schokoladenpackung und man lässt sich sogar in etwas Rechteckigem begraben. Die Teufel brauchen auch eine eigene Form: Sie sind mathematisch begabt und interessiert, aber sie sind nicht perfekt. Mir schien das Dreieck die passende Form zu sein: spitzig, eckig, kantig, ein bisschen gefährlich und doch mathematisch von Interesse.

Hast Du einen großen Kühlschrank?

Jetzt bin ich gerade umgezogen und hab jetzt zum ersten Mal einen großen… ist das schön! Ich seh’ das so: Meine Helden reisen durch einen Kühlschrank an andere Orten, bei „Narnia“ ist es ein Kleiderschrank, bei meinem Reisemittel gibt’s wenigstens Wurst und Saft und es müffelt nicht nach Mottenkugeln.

„Grendl“ - mit diesem Namen verbindet der Leser die Vorstellung eines mächtigen Lindwurms. Nun taucht auch in Deinem Roman ein Drache auf, nur dauert das doch eine ganze Weile. Warum habt ihr Euch trotzdem für ihn als Titel entschieden? Gab es andere Titelvorschläge?

Bei „Beowulf“, woraus die Figur ja stammt, ist Grendel kein Drache, sondern wird nur allgemein als Monster beschrieben und hat sogar eine übel gelaunte Monstermami, die stinksauer wird, als sie vom Tod ihres Sohnesmanns hört. Der Drache Grendl ist in meinem Buch ganz anders geartet: Er ist das Ur-Böse und noch böser als die Teufel. Weil das Buch sich mit sehr vielen Formen des Bösen auseinandersetzt, schien mir „Grendl“ passend. Hmm, wenn ich die Frage gerade so überlege, warum Grendl erst relativ spät im Buch auftritt, und weil ich das auch schon ein paar Mal gefragt wurde… bei „Harry Potter und der Stein der Weisen“ kommt der Stein der Weisen ja ganz, ganz am Ende erst vor, da fragt ja auch keiner die Rowling: „Hey du, Rowling, warum nennst du deinen Band nicht nach etwas, was weiter vorne im Buch passiert wie: Harry Potter und das nette Hallo des Dumbledore“? Ach ja, es gab übrigens einen anderen Titel für das Buch – der wurde erst im letzten Moment geändert -, im Ernst, zuerst sollte es „Grendel und nicht „Grendl“ heißen.

Zwischenzeitlich hast Du erste Lesungen absolviert. Wie war das für Dich, Deinen Text auszugsweise vor Publikum zu präsentieren, wie waren die Reaktionen?

Das war so ungewohnt für mich, da ich ja nur Sachbücher schreibe, wo man als Autor Null Rückmeldung bekommt. Ich hatte noch nie einen Text an lebenden Menschen ausprobiert. Es ist einfach schön zu merken, dass man Bücher nicht für Bibliotheksregale, sondern für Personen schreibt. Jede Rückmeldung von den Lesern freut mich und motiviert mich weiter zu arbeiten.

Wie sieht es mit weiteren literarischen Plänen aus - ist etwas spruchreif?

Hm, im Dezember erscheint eine Kurzgeschichte von mir mit dem Titel „Inspektor Pyrrhon und der Killerfön“ in der Jahresanthologie des EDFC. Ach ja und ein wissenschaftlicher Aufsatz über den Philosophen Nietzsche erscheint auch demnächst, der Titel: „Volk und Adel in Nietzsches lateinischer Schrift ‚De Theognide Megarensi’“… na ja… vielleicht doch lieber den Killerfön lesen; das zweite wäre ein schönes Weihnachtsgeschenk für jemanden, der einem das Jahr davor einen Pulli geschenkt hat. Ansonsten sitze ich gerade an der Fortsetzung von „Grendl“. Max Merkur hat in der Zwischenzeit seinen Abschluss auf der Teufelsschule gemacht und ist Agent des Teuflischen Sicherheitsdienstes geworden.

Vielen Dank, dass Du uns Rede und Antwort gestanden bist. Wir wünschen Dir für Deine Zukunft alles Gute!





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