Auf dunklen Pfaden - Ein Werkstattbericht von Uwe Voehl
Datum: Tuesday, 08.May. @ 09:21:23 CEST
Thema: Veranstaltung


Am vergangenen Wochenende fand in Höchst im Odenwald der erste Horror-Workshop unter der Leitung von Uwe Voehl und Patrick J. Grieser statt. Uwe Voehl berichtet über den Horror-Workshop der etwas anderen Art.

»Keine Zeit für Optimisten.
Optimisten müssen ziemlich einsam sein ...«

»Was auch immer du tust, denke daran: Es sind MENSCHEN!«

Man muss schon optimistisch sein, bei der derzeitigen Marktlage Horrorgeschichten zu schreiben. Noch optimistischer, diese herauszugeben. Völlig verrückt muss man sein, sich in die Wildnis zu begeben, um vor Ort einer Horde blutrünstiger Horrorfreaks das Ganze auch noch schmackhaft zu machen!
Der Anlass: Ein Horror-Workshop für Autoren. Die Gastgeber: Der Basilisk-Verlag, Patrick Grieser und Uwe Voehl.
Der Ort jedenfalls war mit Bedacht gewählt: Ein flach gestrecktes Hotel (»Hotel Lust«) mit dem Flair der Siebziger Jahre am Rande des Städtchens Höchst, gegenüber ein ebenso in die Jahre gekommener Bahnhof und einige verrottende scheunenartige Gebäude. Dieser Odem des Verfalls trug nicht unwesentlich zur heimeligen Stimmung des Wochenendes bei.


Tag 1 (Freitag):

»Halte sie bei Laune, indem du an ihre nicht vorhandene Intelligenz appellierst!«

Der erste Tag galt der Theorie: Wie schreibe ich eine Horrorgeschichte? Im als Seminarraum getarnten Kellerraum hatten sich die zehn Adepten bereits versammelt. Dem Rat eines Fachmanns folgend (»Intelligenz« – siehe oben) begann ich meinen Vortrag in der Negation abzuspulen. Also den Horchenden genau das Gegenteil dessen anzudienen, wonach sie zu streben hatten. Ich nannte das Ganze »Des Teufels Schreibwerkstatt«, gewidmet jenem kleinen Teufel, der allen Autoren auf der Schulter sitzt und ihnen so Dinge einflüstert wie »Schreib so, wie du nicht sprichst – möglichst gekünstelt!« oder »Sprachgefühl und –rhythmus sind Nebensache. Schließlich schreibst du eine Horrorstory und keine Gedichte!« So lautetet beispielsweise Regel 4: »Verwende möglichst bekannte Phrasen wie Es war so dunkel, dass ich die Hand nicht vor Augen sah«. Hier setzte auch gleich die erste Schreibübung an, und siehe da, die Zuhörerschaft horchte bei dem Thema Dunkelheit das erste Mal interessiert auf. Diese – die Dunkelheit – galt es nun zu beschreiben, möglichst unphrasenhaft und ohne den Begriff selbst zu benutzen.
Ich spürte, das Eis war gebrochen!
Nach eineinhalb Stunden reichte ich das Zepter erschöpft aber zufrieden an den Veranstalter und Co-Referenten Patrick weiter. Von Haus aus Psychologe, verirrte er sich in die zugegeben faszinierenden Abgründe von Charakteren und deren Motivationen.
Tag 1 endete mit einer von mir gehaltenen Lesung in einem nicht vorhandenen, weil plötzlich verschwundenen Kaminzimmer (»Welches Kaminzimmer? Hier gab es nie eins!«).
Dezent zog ich mich danach in mein Zimmer zurück, während Teile des Rudels zum gemütlichen Teil der Nacht übergingen. Mehrmals wachte ich von Träumen und Schreien gepeinigt auf, bis gegen 5 Uhr in der Frühe endlich Stille auf dem Korridor vor meiner sorgsam verschlossenen Zimmertür herrschte.


Tag 2 (Samstag):

»Am wohlsten fühlen sie sich unter ihresgleichen. Man begegnet ihnen auf mitternächtlichen Waldwegen und innerhalb verfallener Ruinen.»

Der Morgen zeigte, dass die nächtlichen Exzesse nicht ganz folgenlos geblieben waren: Einige der Adepten schleppten ihre Körper sichtlich mitgenommen in den Vortragskeller. Manche fielen sogleich in leichten Schlummer. Ein Totalausfall wurde beiläufig registriert. Gegen zehn Uhr öffnete sich die Tür, und Mark kam in noch immer entrücktem Zustand mit lang wallendem Haar hereingeschwebt.
»Jesus!«, entfuhr es einem seiner Brüder im Geiste ob dieser Erscheinung.
Der zweite Tag war nun ganz dem praktischen Teil gewidmet. Immer wieder wurden die Teilnehmer aus ihrer Lethargie gerissen, um diverse Charaktere zu kreieren, Orte zu entwerfen und Plots zu gestalten. Mehrmals galt es, die daraufhin aufkeimende Gruppeneuphorie (»Kurzgeschichte? Ich schreibe gleich einen ganzen ROMAN!«) zu bremsen. Bis auf einen weiteren Ausfall – der Adept hatte entschlossen, sich gänzlich auf den Charakter des Kettensägenmörders zu konzentrieren und bedurfte daher keiner weiteren Fortbildung zwecks Vertiefung seines Protagonisten – waren die Lernenden mit Feuereifer dabei. Vor allem als es darum ging, quasi wie Schauspieler in die geschaffenen Charaktere zu schlüpfen, verschmolzen die derart inspirierten Autoren geradezu mit ihren Figuren, und ich war mit einemmal umgeben von Halb-Vampirinnen (»Meine Mutter wurde vor meiner Geburt in den Bauch gebissen«), Psychopathen (»Ich bin eigentlich ein ganz normaler Spießer«), besagtem Kettensägenmörder (»Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr ...«) und vierzehnjährigen unheimlichen Kinderkannibalen (»Am liebsten mag ich Fischstäbchen. Noch lieber das rothaarige Mädchen in der ersten Reihe!«).
Nach Einbruch der Dunkelheit stand dann noch ein besonderer Programmpunkt an: Mitternächtliche Wanderung zur Burgruine Rodenstein - hatte doch hier bereits der Dichter Bergengruen gewirkt und die hier ansässigen Sagengestalten zu literarischem Leben erweckt. Auch der freundliche Busfahrer hatte ein paar Anekdoten beizusteuern: Zum Beispiel jene von dem Geisterheer, das sich just dann immer in der Gegend zeige, wenn auf deutschem Boden ein Krieg anstünde. Auch die alte Sage der zwei im Walde hausenden Kräuterhexen sowie die des Burggeistes auf Rodenstein trugen nicht gerade zur Beruhigung bei:

»Was brauset so schaurig vom Walde
Zur Mitternachtsstunde herab?
Was brauset durch Häuser und Bäume
In luftiger dunkler Gestalt?
Es ziehet mit Reuter und Rossen
Und rasselndem Kriegesgeräth,
Von einem der Schlösser zum andern
Der schreckliche Rodenstein aus!«

Jeweils im Zweiminutentakt wurde nun jeder Teilnehmer in die Finsternis verabschiedet, betraut mit der Aufgabe, sich zur ca. 2 km entfernten Ruine vorzutasten. Ich war der Letzte, der losging – und Ehrenwort – ich habe selten so eine Angst gehabt. Vor allen Dingen kann ich heute noch schwören, dass ständig jemand hinter mir herging! Allein, es war wohl nur das Rasseln des Schlüsselbundes in meiner Tasche ...
Zurückgekehrt in die Herberge begrüßte uns der wahre Horror: Außer uns hatte sich eine Kegelgesellschaft einquartiert und vergraulte selbst hartgesottenste Horrorfreaks mit hessischen, an den Blauen Bock erinnernden Gesängen. Irgendwann gegen Morgen wurde aus alkoholgeschwängerten Keglerkehlen mit dem deutschen Traditional »So ein Tag, so wunderschön wie heute« endlich die längst fällige Nachtruhe eingeläutet.


Tag 3 (Sonntag):

»Wiege sie in dem Glauben, sie seien NORMAL!«

Es war der Tag des Abschieds und eine wehmütige Stimmung lag in der Luft. Seltsam, aber sollte ich mich getäuscht haben ...? Waren die Adepten bei weitem nicht so hartgesotten, wie ich anfangs gedacht hatte?
Der Vormittag wurde noch unerbittlich genutzt, um weitere Lektionen auf dem steinigen Pfad einer guten Horrorgeschichte abzuklappern: So galt es diesmal, Emotionen zu schüren. Die Adepten sollten zum Beispiel ihren Lieblingsort oder - wahlweise - den Ort beschreiben, der für sie die Hölle ist! Nur zwei entschieden sich für die erste Variante.
Schließlich, am frühen Nachmittag, erfolgte die Feuerprobe. Das lag weniger daran, dass jeder Teilnehmer seine an diesem Wochenende begonnene Geschichte vorlesen musste, sondern dass ich diese Abschlussrunde kurzerhand ins Freie verlegte. Bei Sonnenschein! Für abgebrühte Horror-Freaks das absolute No-go! Trotz mancherlei Ausflüchte kannte ich keinerlei Erbarmen. Und als sie da alle so saßen und lasen, da erkannte ich, dass sie sich tatsächlich innerhalb der letzten drei Tage verwandelt hatten: Isabell, die hübsche Halbvampirin, Lars, der sich Maria nannte, der bekennende Misanthrop, Johannes, der Kettensägenmörder, und all die anderen ... sie alle waren mir plötzlich ans Herz gewachsen.
Aber was wichtiger war, das war der Stolz, dass sie diese drei Tage gemeistert hatten. In jeder Zeile, jedem Ausdruck ihrer Geschichten wurde dies deutlich.
Befriedigt nickte ich: Meine Söhne und Töchter der Nacht, sie alle würden fortan allein zurechtkommen dort draußen.
Eine weitere Generation blutrünstiger Horrorautoren – bereit, die Welt im Sturm zu erobern.
Erschöpft, aber glücklich, setzte ich mich in meinen Wagen und begab mich auf meinen vierstündigen Heimweg.

Und keine Angst: Die Fortsetzung wird folgen. Das zumindest haben sich Patrick und ich uns bereits geschworen ...







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